Eros & Sophia 2
 
 
 
 

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Die grossen Tabus unserer Kultur

Die drei grössten Tabus sind in den patriarchalen „Hochkulturen“ überall auf der Welt die selben:

Spiritualität und Tod
Sexualität und Beziehungsformen
Eigentum und Geld

Sie sind aufs engste miteinander verknüpft und da das eine Tabu ohne das andere wohl kaum existieren könnte, ist es wichtig, dass wir uns diesen Verknüpfungen bewusst werden, damit wir uns ein möglichst ganzheitliches Bild machen können. Wenn wir unsere Probleme im Grossen und im Kleinen lösen wollen, ist es aus meiner Sicht eine Grundvoraussetzung, diese Geheimnisse zu lüften. Das kann auch sehr interessant, spannend und befreiend sein. Denn hinter den Kulissen warten ungeahnte, neue und sehr lebensdienliche Möglichkeiten auf uns, um entdeckt zu werden.

Früher sagten die Weisen: Wie oben so unten, wie innen so aussen. Das ist auch heute noch so. Die äusseren Abgründe, spiegeln innere Abgründe in unserem Unterbewusstsein. Aber leider wollen die politisch Engagierten mit den Spirituellen nichts zu tun haben, die Historiker nichts mit den „Psychos“ und diese wiederum meiden das Thema Ökonomie im Allgemeinen und Geld im Speziellen, wie der Teufel das Weihwasser. (Um eine Methapher der christlichen „Hochkultur“1 zu verwenden.) Es sei denn für ein Geldseminar: Wie werde ich Millionär?

 

 

Vor allem durch die Bücher von Bernard Lietaer bin ich auf den meist unbewussten Zusammenhang zwischen unseren patriarchalen Religionen und unserem selbstzerstörerischen Wirtschaftssystem gestossen.2 Er beleuchtet Aspekte der Tabus Religion und Geld neu und ungewohnt. Auch im Buch von Zarlenga werden einige Geheimnisse der Macht des Geldes gelüftet3. Beide fangen nicht erst bei Adam Shmith vor 300 Jahren an, sondern weit früher vor 5000 Jahren, als unsere Kultur sich auszubreiten begann. Otfried Eberz, der deutsche Religionshistoriker war in den 70er Jahren eine beliebte Lektüre innerhalb der Frauenbewegung. Er stellt die These auf, dass alle Religionen eine Erfindung von Pristerkulten sind, die sie als Mittel zum Zweck benutzten, denen es aber einzig um die rücksichtslose Durchsetzung ihrer Macht ging, beim Wechsel vom Matriarchat zum Patriarchat.4 Auch er setzt beim selben Zeitpunkt der Menschheitsgeschichte an. Seine These finde ich u.a. auch deshalb bedenkenswert, weil sowohl Buddha als auch Jesus keine Religion gründen wollten.

Bei allen drei Autoren fehlt aber das Tabu der Sexualität. Denn wenn die Sexualität die stärkste Energie des Menschen ist, dann ist die möglichst umfassende Kontrolle darüber für ein Herrschaftssystem von entscheidender Bedeutung. Diese Kontrolle zeigt sich vorwiegend in der Art und Weise, wo und wie die Sexualität gelebt werden darf und was sich nicht gehört, also innerhalb unserer Beziehungsstrukturen.


Ich möchte versuchen, einige dieser Verstrickungen zwischen Religion, Geld und unseren immer noch weitgehend patriarchal geprägten (innerlich und äusserlich) Beziehungsstrukturen zu beleuchten, und den engen Zusammenhang mit unserem Geld- und Wirtschaftssystem aufzeigen.


Wenn wir uns der Kontrolle über unsere Beziehungsstrukturen entziehen wollen, müssen wir bei uns selber anfangen und uns aus diesen gesellschaftlichen Prägungen befreien. Es ist sinnlos, eine Gesellschaft verändern zu wollen, ohne dass die Menschen dieser Gesellschaft sich verändern. Sonst frisst die Revolution ihre Kinder. Wenn wir es aber schaffen, uns selbst und unser unmittelbares Umfeld aus patriarchalen Mustern zu lösen, hat das eine viel grössere Sprengkraft als wir auf den ersten Blick vermuten. „Wenn es gelingt, bessere, schönere, harmonischere, herausfordernde, erotischere, spirituellere, bereicherndere, aufregendere, sensiblere und seelenvollere Beziehungen zu leben, könnte ich mir durchaus vorstellen, dass das eine enorme gesellschafts-politische Sprengkraft haben könnte“ (Eros & Sophia I). In diesem Text geht es um die Sichtbarmachung dieser raffinierten Fesseln in unserem Unterbewusstsein, die direkten und indirekten Verbindungen mit dem herrschenden System und wie man/frau sich davon befreien kann.

Willi Maurer, Animatore und Initiant des Holon-Netzknotenpunkts im Tessin hat zu diesem Thema ein Buch verfasst: „Zugehörigkeit, der verpasste Augenblick – ist er nach holbar? Wie Schlüsselerlebnisse unsere Lebensqualität nachhaltig beeinflussen“. Er schreibt:

 

Je mehr ich aber mit den traumatischen Erlebnissen meiner Kindheit in Kontakt kam und sie emotionell wiedererlebte, um so mehr fühlte ich mich wertvoll, so wie ich war, d.h. auch mit leeren Händen. Ich wurde immer fähiger, im „Hier und Jetzt“ zu leben: Ich weinte, wenn ich traurig war, lachte wenn ich mich freute und schrie, wenn ich wütend war.“ (Maurer S.18)

 

Der Psychoanalitiker Franz Renggli behandelt dasselbe Thema in „Selbstzerstörung aus Verlassenheit“ am Beispiel der Pest im Mittelalter. Er beleuchtet in seinem Buch, die tiefenpsychologischen Hintergründe unserer Geschichte, der individuellen wie auch der kollektiven.

 

Mein Buch ist ein Versuch, Geschichte und Psychoanalyse miteinander zu verbinden. Damit aber betreten wir Neuland. Diese Verbindung gab es bisher nicht oder erst in Ansätzen. Schon seit einiger Zeit gibt es eine Reihe von Historikern, die nach einer geeigneten Psychologie oder, noch besser, einer Tiefenpsychologie suchen, weil sie spüren, dass sie eine ganze Reihe von geschichtlichen Prozessen nicht verstehen können, wenn die Dimension des Unbewussten unberücksichtigt bleibt.“ (Renggli S.64)

 

Das tönt sehr akademisch, ist es aber nicht. Renggli beschreibt sehr konkret und direkt, wie wichtig destruktive Mechanismen für die Aufrechterhaltung eines Herrschaftsystems sind. Gerade heute in der Gegenwart erleben wir hautnah, wie ein solcher Massenwahn inszeniert werden kann. Die grosse Mehrheit will eigentlich keinen Krieg, trotzdem laufen die Kriegsvorbereitungen auf Hochtouren. Wie ist so etwas möglich und wie funktioniert das?

 

Fangen wir von vorne an. Unsere persönliche Geschichte beginnt früher als wir uns erinnern können. Dort wo wir noch völlig wehrlos sind und uns nachher nicht einmal mehr daran erinnern können: Bei unserer Geburt.

 

Das Geburtstrauma

Aufgrund der Erfahrungen verschiedener Therapeuten und auch meiner eigenen Erfahrungen, ist das grösste Trauma, das wir in uns tragen, das Geburtstrauma. Geburtstrauma bedeutet Trennung von der Mutter und das Abschieben eines Neugebohrenen in ein Säuglingszimmer, daheim ins Kinderzimmer, in eine Wiege oder einen Kinderwagen. Dabei sind die ersten Tage nach der Geburt entscheidend, sowohl für die Mutter (und auch den Vater) wie auch für das Kind. Aber in unserer Zivilisation werden Mutter und Kind getrennt. Die folgenden Zitate von Renggli und Maurer zeigen auf eindrückliche Weise, was das bedeutet und was diese Trennung für gravierende Konsequenzen hat.

 

Heute ist bekannt, dass nicht nur das Kind auf die Mutter, sondern umgekehrt auch sie auf ihr Kind geprägt wird. In den ersten Tagen nach der Geburt, in einer speziell sensiblen Phase, wird ihre affektive Beziehung zum Neugeborenen ausgebildet. ... in unserer Kultur wird nicht nur das Kind von der Mutter, sondern, mindestens seit dem 20. Jh., seit der Spitalgeburt, auch die Mutter von ihrem Kind entfremdet.“ (Renggli, S.54)

 

Ich will weder den Müttern noch den Vätern einen Vorwurf machen. Wir alle sind Kinder unserer Zeit und haben während unserer Kindheit viele traumatische Erlebnisse gehabt. Es geht mir hier nicht um Schuldzuweisung, sondern diese noch weitgehend unbekannten Mechanismen bewusst zu machen, damit diese Prägungen und Irrtümer nicht weiterhin von Generation zu Generation weitergegeben werden.

 

Ich finde es wichtig, die Ohnmachtsposition der Eltern zu betonen, v.a. der Mutter, um lesende Mütter nicht noch mehr in ihr unbewusst oder bewusst lastendes Schuldgefühl zu drängen. Durch diese Erkenntnisse können wir Abstand nehmen und die Situation als Puzzle einer Welt-Geschichte sehen, die sich in unserer individuellen Lebensgeschichte wiederspiegelt.

 

Stark vereinfachend gesagt, wird der männliche Säugling mit Freude und vielen Erwartungen empfangen und stolz präsentiert. Trotzdem verbringt er lange Zeit von seiner Mutter getrennt, einsam in seinem Bettchen, im Wechsel mit Zeiten des übermässigen Gepflegtwerdens durch die Mutter, die ihn „zum Fressen“ gern hat – aber nur wenn er sich ihren Wünschen entsprechend verhält. Intuitiv fühlt er, dass er nicht auf Grund seiner Persönlichkeit geliebt wird, sondern des Bildes wegen, dem er zu entsprechen hat. Da beginnt er eine Enge zu spüren, der er entfliehen möchte, sobald er dazu fähig ist.

Zahlreiche Studien bestätigen, dass das weibliche Kleinkind oft mit weniger Freude empfangen wird und längere Zeit einsam in seinem Bettchen liegengelassen wird als das männliche. Seine Einsamkeit wird nur unterbrochen, wenn es gefüttert und gepflegt wird. Dann wird es (das Wort sagt es: ein Ding) wiederum weggelegt (Statistiken zeigen deutlich, dass Mädchen weniger oft und weniger lange aufgenommen werden).“ (Maurer, S.19)

 

Parzival: „...Der Roman Parzival ist damit eine grossartige Darstellung der Folgen des Kleinkinderschicksals der Verlassenheit durch den Vater und der Übernähe oder Überfürsorglichkeit durch die Mutter. Zwanghaft muss deshalb Parzival als Erwachsener Mann seine Frau verlassen. Und seine Persönlichkeit ist entsprechend gespalten, ausgedrückt in den beiden Teilaspekten Gawein und Parzival, der Teilaspekt der Suche nach Liebesabenteuern und der Teilaspekt der Depressivität und Melancholie – vielleicht einer der grossartigsten Romane in der ganzen Weltgeschichte.“ (Renggli S.182)

Zurück zur Gegenwart. Was hat das Geburtstrauma für Auswirkungen auf die Beziehung zu mir selber, zu „meinem“ Parzival und Gawein und wie wirkt sich das auf meine Beziehungen zu meinen PartnerInnen aus? Denn eine befriedigende Sexualität ist auf die Dauer nur möglich, wenn ich eine gute Beziehung zu mir selbst und zu meinen PartnerInnen habe.

 

 

Beide, Mädchen wie Knaben, hoffen später als erwachsene Menschen, vom Partner all das zu bekommen, was sie bei der Mutter vermisst haben. Je verlassener und einsamer sie waren, desto grösser ist die Hoffnung und Erwartung, die Idealvorstellung vom Partner. Mit Zärtlichkeit und Sexualität sollte die innere Leere und Vereinsamung ausgefüllt werden, ein Versuch und eine Hoffnung, die von Anfang an zum Scheitern verurteilt sind. Hinzu kommt die innere Stimme des Mannes, die ihn warnt: Nie wieder eine solche Nähe wie bei der auffressenden Mutter. Das ist zuviel, das ist bedrohlich. Die innere Stimme der Frau hingegen sagt: Diese Nähe und Geborgenheit sind zuwenig, diese Art von Begehrtwerden reicht mir nicht aus. Die Angst des Mannes vor einer nahen Beziehung und sein Wunsch nach Abgrenzung stehen dem nie enden wollenden und unersättlichen Wunsch nach Nähe und Begehrtwerden der Frau gegenüber. Frauenfeindlichkeit und Männerhass prallen unversöhnlich aufeinander. Begründet und geprägt in der frühen Entfremdung zwischen Mutter und Kind, erzwungen durch unsere Kultur und Zivilisation.“ (Renggli S. 222)

 

Kriege werden nicht nur von den Mächtigen geführt. Es braucht auch das Volk, das das gehorsam mitmacht, mit Freude und Begeisterung. Diese Fähigkeiten lernt man/frau im Kleinkrieg, im Krieg der Geschlechter oder im Krieg um die richtige Meinung, die richtige Ideologie bzw. die einzige wahre Religion. Es liegen noch viele Steine auf dem Weg, wenn wir nicht immer wieder in die gleichen Fallen treten wollen. Es bleibt uns nichts anderes übrig, als diese Hindernisse aus dem Weg zu räumen.

 

 

Meine persönlichen Erfahrungen

Seit Millionen von Jahren wurden wir nach unserer Geburt von unseren Müttern monate- wenn nicht jahrelang am Körper getragen. Dann plötzlich kamen die Herrschenden einer neuen Kulturepoche auf die Idee, dass das nicht mehr chic ist und delegierten diese Aufgabe an „ausgebildetes“ Personal. Was das für Konsequenzen hatte, war ihnen wohl kaum bewusst. Auch TherapeutInnen, die ich auf dieses Thema ansprach, gehen davon aus, dass das Geburtstrauma das grösste Trauma im Leben eines Menschen ist. Was das bedeutet heisst und wie wir damit umgehen können, darüber gehen die Meinungen auseinander. Meine persönliche Erfahrung in diesem Bereich war für mich sehr eindrücklich. Obwohl ich mich in den letzten zwanzig Jahren intensiv mit meinem biografischen Rucksack auseinandergesetzt hatte, wurde ich die Depressionen, die mich seit meinem 18. Lebensjahr begleiten, nicht los. Als ich auf die Bücher von Willi Maurer und Franz Renggli stiess, ging mir auf, dass ich all die Jahre nur den Bereich meiner Kindheit bearbeitete, an den ich mich erinnern konnte. Das ist der Zeitraum ab etwa vier Jahren. Ich konzentrierte mich in der folgenden Zeit auf die ersten Lebensjahre, von denen ich keine Erinnerungen mehr habe. Da ich schon viel Erfahrung und Übung in psychischer Arbeit hatte, gelang mir diese Aufarbeitung recht gut und es brachen ganz eindrückliche Bilder aus mir hervor. Ich sah den Schrecken des Säuglingssaales im Spital, mit dem kalten, gleissenden Licht und dem herzzerreissenden Hilfegeschrei all der kleinen Verlassenen und Verzweifelten. Auch sah ich meine Mutter, die mich im Kinderwagen liegen liess, weil das so üblich war. Was ich jedoch nicht erwartet hatte, waren all die positiven Bilder und Gefühle aus dieser Zeit. Ich lag im Kinderwagen und alles flimmerte und vibrierte. Ich fand es total spannend und interessant, was da alles ablief. Ich war ganz präsent und nahm alles wahr. Ich erlebte Zustände, wie ich sie bisher, bis auf eine Erinnerung aus meiner späteren Kindheit, eigentlich vor allem aus Beschreibungen von Mystikern wie Anker Larsen oder Manfred Kyber kannte. Willi Maurer meinte, dass das nur deshalb möglich sei, weil ich schon viel an mir gearbeitet hätte. Sonst würden zuerst einmal Wut, Aggression, Verzweiflung und Ohnmacht hochkommen.

 

Die Angst vor Ohnmacht

Nie in unserem Leben haben wir Menschen in den sog. Hochkulturen ein grösseres Ohnmachtsgefühl erdulden müssen als in den ersten Stunden und Tagen nach der Geburt. Da wir diese schmerzlichen, mit dem Weggelegt-worden-Sein verbundenen Gefühle abgespalten haben, fehlt uns das Bewusstsein darüber, dass sie unbewusst unser Handeln bestimmen. Die Angst vor dem alten Gefühl der Ohnmacht lässt den Menschen Strategien entwickeln, die ihm Macht verschaffen. Die Anwendung dieser Machtmittel erlaubt, das Gefühl der Ohnmacht abzuwenden. Es wäre ein allzu unerträgliches Gefühl, da es an die abgespaltenen frühen Kindheitssituationen rührt. Ich mache oft die Beobachtung, dass Menschen, deren Selbstwertgefühl früh gekränkt wurde, ihren Sinneswahrnehmungen nicht mehr trauen. Sie suchen dann Sicherheit und Zuflucht bei Glaubenssystemen, die ihnen sagen was richtig und falsch, gut oder böse, gesund oder ungesund ist. Diese Anhaftung an einen Glauben löst sich in gleichem Masse auf, wie Menschen in Kontakt mit ihrem Innersten, ihrem kleinen Kind kommen und wieder beginnen, ihren Sinneswahrnehmungen zu trauen und es ertragen, nicht alles wissen zu können.“

(Maurer, Artikel "Re-ligion")

 

Aber die Depressionen kamen immer noch. Ich machte wieder einmal eine Erfahrung, die ich schon mehrmals gemacht hatte. Ich wusste jetzt zwar sehr genau, warum ich ein Problem habe, woher es kommt und was die Ursache war, aber verändert hat sich deshalb noch nichts oder nicht viel.

 

Der Durchbruch kam erst durch die Beziehung zu meiner damaligen Freundin. Wir hatten beide eine etwa zwanzigjährige Therapieerfahrung und eine langjährige spirituelle Praxis. Wir begannen unsere Probleme in unsere Meditationen einzubeziehen. Wir gaben den abgespaltenen Teilen unserer Persönlichkeit Räume und Namen. Wir begannen ganz persönliche Beziehungen zu unseren „inneren Kindern“ aufzubauen und zu pflegen. Jeden Tag schauten wir, wie es ihnen geht, wo sie sind, was sie machen und was sie brauchen. Ich redete und spielte mit ihnen, ich nahm sie auf den Schoss und umarmte sie. Wir holten uns auch Hilfe bei höheren Mächten, bei Gott, dem grossen Ganzen, bei Christus, bei Engeln.

Das setzte Prozesse in Gang, die vorher blockiert waren. Es setzte ein Wandlungs- und Transformations-Prozess ein. Abgespaltene Teile meiner Persönlichkeit, die die Depressionen verursacht hatten, wurden wahrgenommen, gehört, umarmt und gepflegt. So konnte eine liebevolle Beziehung zu den zuvor abgespaltenen Teilen entstehen, sie konnten integriert werden.

 

Dann machte ich bei meiner Kinäsiologin einen Workshop im Familien- stellen. Familienstellen geht eigentlich auf alte schamanistische Praktiken zurück. Hellinger war ja vorher Missionar für die katholische Kirche in Afrika. Dort kam er in Kontakt mit Stammeskulturen, die mit ihren Ahnen kommunizierten.

In diesem Workshop konnte eine starke negative Ahnenlinie, die diese Depressionen schon seit Generationen übertragen hatte, unterbrochen werden. Nach diesem Workshop hatte ich nie mehr eine Depression.

 

Was nun genau den Durchbruch brachte, weiss ich nicht. Wahrscheinlich alles zusammen. Ich beschreibe das deshalb so genau, weil Depressionen heute so verbreitet sind und sich trotzdem die wenigsten trauen darüber zu reden. Natürlich könnte ich diese Heilungsprozesse noch viel detaillierter beschreiben und für Menschen, die von Depressionen zermürbt werden, wäre das wohl auch wichtig, um sich ein genaueres Bild machen zu können. Allen, die sich dafür interessieren, gebe ich gerne genauere Auskunft.

 

Die Ursachen von Neid und Eifersucht

Woher kommt eigentlich die Eifersucht? Haben Neid und Eifersucht etwas mit unseren PartnerInnen zu tun? Wenn Eifersucht normal ist, warum sind die Einen extrem eifersüchtig, die andern überhapt nicht? Das Thema Neid & Eifersucht nimmt in unserem Leben einen breiteren Raum ein, als wir wahrhaben wollen. Woher kommen diese starken, unangemessenen, irrationalen, ja sogar mörderischen Impulse? Bei Beziehungskonflikten spielen Neid & Eifersucht oft eine bedeutende Rolle. Aber warum gibt es gerade bei diesen Gefühlen solche gewaltige Ausbrüche, solche Erruptionen? Das häufigste Tatmotiv bei Mord sind bekanntlich Beziehungskonflikte.

 

Was sind die Folgen dieser Grundprägung für die Beziehung zwischen den Geschlechtern? Wie die Mutter erlebt wird, ist Vorbild für beide, für Mann und Frau, denn für den kleinen Knaben wie für das kleine Mädchen ist sie die erste Bezugsperson und die Urerfahrung von Nähe und Liebe.“ (Renggli S.222)

Die Sexualität bietet – in einer Liebesbeziehung – eine Chance, um mit frühkindlichen Traumata und verdrängten Gefühlen in Kontakt zu kommen; vorausgesetzt, die Partner ziehen sich in Konfliktsituationen nicht zurück und nehmen die vorübergehende Hilfe einer erfahrenen Drittperson in Anspruch. Dies ist vor allem dann unabdingbar, wenn durch das Gefühl der Machtlosigkeit der Impuls entsteht, Gewalt anzuwenden. Dieser Impuls ist ein untrüglicher Hinweis, dass der alte frühkindliche Hass, der zur Kindheits-Mutter gehört, angerührt ist. Hier lockt oft die Flucht in eine neue Beziehung als „Problemlösung“, doch dort wird sich die gleiche Dynamik aufs Neue wiederholen. Eifersucht und Neid sind immer mit der Angst verbunden, die Zugehörigkeit zu verlieren; die Reaktion auf diese Gefühle ist jene der frühen Kindheit: offen rebellieren oder „brav“ sein, sich verschliessen oder sich zurückziehen. Ein tiefer Selbsterfahrungsprozess kann die nötige Klarheit schaffen und diese Dynamik durchbrechen.“ (Maurer S.27)

 

Das „Glück in der Liebe“

Wenn wir glücklicher und beziehungsfähiger werden wollen und in unseren Beziehungen auch neue Wege gehen wollen, werden wir über kurz oder lang nicht darum herum kommen, uns mit unserem Innenleben, mit dem Unterbewusstsein, auseinander zu setzen.

Glück in der Liebe“ ist nicht einfach zufällig - die einen haben Glück, die andern Pech mit ihrem Partner. Ich gehe davon aus, dass alles seinen Sinn hat. Die Schwierigkeit ist nur, herauszufinden, worin der Sinn liegt: Warum dieses Missgeschick, diese Lebenssituation, diese Beziehungskonstellation? So gesehen, könnte man auch sagen: Es braucht keine Religion, Therapie oder Ideologie – das Leben selbst ist die beste Therapie. Es wiederfährt mir immer genau das, was im Moment zu mir passt, meiner weiteren Entwicklung dient. Aber wie kann ich heraus finden, was jetzt der Sinn dieser oder jener Lebensituation sein könnte.

 

Wenn wir die in uns angerührten Gefühle nicht dem/der PartnerIn anlasten, sondern sie dazu benutzen, Rückverbindung (Re-ligio) zu unseren frühen Kindheitstraumata zu finden. Dazu kann es sinnvoll sein, sich von einem erfahrenen Menschen begleiten zu lassen.“ (Maurer, überarbeitete Version "Zugehörigkeit")

 

Was hilft? Woher erhalte ich Hilfestellungen? Finde ich sie in der Religion, der Therapie oder durch eine Ideologie? Bringen mich solche Hilfestellungen auch wirklich weiter, so dass sich meine Lebensqualität verbessert, dass mehr Friede in meinem Herz einkehrt, meine Liebesfähigkeit zunimmt und ich zunehmend besser verstehe, was ich jetzt zu lernen habe? Leider ist das nicht immer so. Zu dieser Sinnsuche möchte ich mit diesem Artikel einen Beitrag leisten.

 

Ich sehe zwei Erklärungsmodelle für unsere menschlichen Schwächen und Talente, für Leid und Freud, welche sich eher ergänzen als widersprechen. Der entwicklungspsychologische Aspekt der humanistischen Psychologie und eine holistische Sichtweise. Das entwicklungspsychologische Erklärungsmodell sieht die Hauptursache unserer Neurosen, im Trauma, erzeugt durch die Trennung des Neugeborenen von Mutter (und Vater) direkt nach der Geburt.

Eine holistische Betrachtungsweise gibt es in vielen Varianten bei den verschiedenen MystikerInnen, Schamanen und Weisen aller Kulturen. Holon bedeutet „das Ganze“. Deshalb gehen diese Modelle von einem multidimensionalen Kosmos aus, d.h. es gibt neben der sichtbaren, materiellen Welt, noch andere, unbegreifbare Dimensionen.

Geht man von mehreren Leben aus, so können wir annehmen, dass wir die Geschichte der Menschheit in allen Phasen selber erleben. So gesehen sind unsere gesellschaftlichen Prägungen (Rucksack) die Altlasten unserer Vorfahren, geprägt vom Patriarchat, die weiterhin in unserem kollektiven und individuellen Unterbewusstsein vorhanden sind. Bei einer Inkarnation, treffen wir automatisch auf eine Familienkonstellation, die uns entspricht. Durch diese Konstellation in unserer Familie werden wir dann geprägt. Wir landen also wieder am selben Punkt, bei unserer Kindheit. Nur dass die auch einen Zusammenhang hat, mit unserer Vergangenheit. Mit unserer Geschichte. So gesehen spielt es deshalb keine Rolle, ob wir von mehreren Leben ausgehen oder nicht.

 

Der patriarchale Rucksack

5000 Jahre Patriarchat können wir nicht so einfach abschütteln und hinter uns lassen. Ich gehe davon aus, dass wir das, was wir aus der Geschichte wissen, irgendwo in unserem kollektiven Unterbewusstsein gespeichert haben. Es gibt Unterschiede, wie Frauen und Männer bei Neid und Eifersucht reagieren:

Viele Frauen verstehen selbst nicht, warum sie so massiv reagieren, vor allem wenn es dazu gar keinen Grund gibt. Viele Frauen sind in ihrer Vergangenheit bestimmt mehrmals von einem Mann verlassen worden, weil er sich eine Andere „genommen“ hat. Je nach gesellschaftlichem Kontext hiess das: Sie wurden mit oder ohne Kinder „in die Wüste geschickt“. Sie ist verelendet oder gar verhungert. Je nachdem wurde sie auch als Ehebrecherin gesteinigt oder als Hexe verbrannt. In weiten Teilen der Erde herrschen immer noch solche Zustände. Wenn nun der jetzige Partner eine andere Frau kennen lernt, können solche alten Wunden wieder aufbrechen, kann es sein, dass der verletzte Teil davon berührt wird. Es kommen Ängste und Schreckensbilder hoch, die bisher unbekannt waren, die frau vorher nicht für möglich gehalten hätte.

 

Bei den Männern hat Neid und Eifersucht oft mit Ehre und Stolz zu tun. In Italien gibt es dafür ein Schimpfwort: „Cornuto“, der Gehörnte. „Sie hat ihm Hörner aufgesetzt!“ Natürlich ist immer die Frau die Schuldige. Sie hat ihn entehrt, über den Tisch gezogen, der Lächerlichkeit preisgegeben. Um seine „Ehre zu retten“, d.h. aus seinem verletzten Stolz heraus, rächt er sich, duelliert sich mit seinem Nebenbuhler oder bringt seine Frau um. Auch solche mörderischen Sitten sind in weiten Teilen der Erde immer noch üblich. Schwestern und Töchter werden sogar von ihren Vätern und Brüdern ermordet, um die „Ehre der Familie“ zu retten. Das hat viel mit dem Männlichkeitwahn im Patriarchat zu tun. Aber woher kommt dieser Wahn, der unsere Zivilisation so zerstörerisch macht, der unsere Mutter Erde zu zerstören droht?

 

 

Die innere Zerrissenheit im Mittelalter

Wenn wir also unseren patriarchalen Rucksack los lassen, wandeln wollen, müssen wir uns erst mal all das anschauen und fühlen, was er enthält. Von daher ist es ganz nütztlich, unsere Geschichte einmal aus der Perspektive der Tiefenpsychologie zu sehen und zu durchleuchten, wie es Renggli im Hinblick auf das Mittelalter macht. Vergessen wir dabei nicht, dass die äussere Welt immer ein Spiegel der inneren Welt ist und umgekehrt.

Die depressiv-asketische Welt wird zu einer grundlegenden Geistes- und Lebenshaltung gegen Ende des Mittelalters. Aber genauso farbig und lebendig müssen wir uns die Welt der grossen Leidenschaften und des Genusses vorstellen, die überstarke Tendenz zur Grausamkeit und Gewalt, zur Erotik und zur alles überbordenden Sexualität. Es ist die Welt der Lust und des Genusses. Nur wer beide Welten sieht, hat ein ganzheitliches Bild vom Menschen des Hoch- und Spätmittelalters. Und diese beide Welten stehen sich in ihren Extremen immer unversöhnlicher gegenüber. Das christliche Abendland wird von diesen beiden Extremen fast auseinandergerissen, Anzeichen einer tiefen und unversöhnlichen Spaltung, Grundlage jeder Psychose.“ (Renggli S. 96)

 

Der Massenwahn

Wir reden als moderne, aufgeklärte BürgerInnen gern vom „dunkeln“ Mittelalter. Aber die Ursachen, die damals zu brutalen Exzessen führten sind nicht Geschichte sondern stets noch gegenwärtig. Wir tragen sie in uns, in unserem Innern. Nur die Kulissen im grossen Welttheater wechseln. Das Böse heisst jetzt nicht mehr Teufel, sondern Terrorismus. Und vernichtet werden müssen jetzt nicht die Hexen, sonden Hussein, bin laden, die Araber oder überhaupt alle die anders sind. Aber die Mechanismen sind immer noch dieselben. Massenwahn ist weiter verbreitet als wir wahrhaben wollen. Auch heute noch.

 

Wenn ich von Massenpsychose oder gar von Massenwahn einer ganzen Kultur spreche, dann will ich die klassisch psychiatrischen Begriffe ins Zentrum der Aufmerksamkeit rücken, um den Wahn zu definieren, nämlich:

Die Realitätsverkennung und gleichzeitig die Unkorrigierbarkeit dieser Wahrnehmung; Menschen sind auch gegen ihr besseres Wissen nicht von ihrem Wahn, von ihrer falschen Wahrnehmung und Erfahrung abzubringen.

Das kassische Bild der Spaltung in gute, eigene Gruppe hier und den zu vernichtenden Sündenbock dort, der Böse als Ursache für alles übel auf dieser Welt. Verbunden mit dieser Spaltung ist das ... Phänomen des Aufbruchs von archaisch-kleinkindlichen Affekten und Gefühlen, das „Ausser-sich-Geraten“, vor allem das entstehen von archaischer Wut einerseits und archaischer Paradiesvorstellungen andererseits.

Aus der heutigen Zeit muss in erster Linie Deutschland unter Hitler in den Jahren 1933-45, das Phänomen des Faschismus erwähnt werden. Eine Führungspersönlichkeit steht im Zentrum, eine Art neuer Messias einerseits und ein in seinen Grundfesten erschüttertes Volk anderseits. ... In diesem Zustand entwickelt sich eine ganz spezifische Dynamik zwischen der Figur eines Führers und der Masse eines Volkes, den Geführten: Sie geraten ausser sich, geraten in Ekstase und verlieren dabei ihre Freiheit des Denkens, Fühlens und Wollens. Die Menschen in diesem Zustand geraten in eine Regression, was bedeutet, dass ganz starke, archaische und frühkindliche Affekte und Gefühle aufbrechen, einerseits Affekte der mörderischen Wut und andererseits Affekte von überstarker Heilserwartung. Und dieser Aufbruch in einem Volk hat einen direkten Einfluss auf die Person und Rolle des Führers, der gar nicht losgelöst und getrennt betrachtet werden darf von der Erwartung in der Gruppe, im Volk, das er führt. Ein „guter“ Führer spürt die unbewussten Wünsche seines Volkes und spricht sie offen aus.“ (Renggli S. 115)

 

Es ist unheimlich, ja bedrohlich, was in unserem Unterbewusstsein schlummert. Und diese schlafenden Hunde können geweckt und gezielt benutzt werden. Ein einflussreicher Teil der „classe politik“ arbeitet mit diesen Mechanismen und setzt sie ganz bewusst ein, um ihre Macht zu mehren. Die Bushfamilie hat sich neben dem Öl auf dieses Geschäft spezialisiert. Ein Krieg, richtig inszeniert, ist nach wie vor das lukrativste Geschäft. Wir befinden uns heute in einer ähnlichen Situation wie damals in der Weimarer Republik, bevor Hitler (übrigens finanziert mit Unterstützung der Bushfamilie5) ganz „demokratisch“ gewählt wurde: Rezession, Angst vor Arbeitslosigkeit, vor der Zukunft. Das Massaker am 11. September hat das amerikanische Volk nicht gerade in seinen Grundfesten erschüttert, wie das die Massenmedien behaupten, aber die Volksseele wurde doch so tief getroffen, dass die Machthaber eine richtige Kriegshysterie inszenieren konnten.

 

Wo Krieg ist, liegt eine Spaltung vor. Und überall, wo eine Spaltung festgestellt wird, besteht die Gefahr eines späteren Gewaltausbruches oder Krieges. Die Geschichte des christlichen Abendlandes beginnt mit Kriegen: Das Heilige Land muss befreit werden aus den Händen der Mohammedaner. Der böse Islam dort, das gute Christentum hier – die Folgen sind die Kreuzzüge in den vorderen Orient (11. bis 13. Jahrhundert). ... Und schliesslich sei erwähnt, dass mit dem Aufkommen des Kapitalismus in Europa der Krieg im Spätmittelalter zu einem chronischen Zustand geworden ist. Und nachdem von Spanien aus Amerika entdeckt und erobert worden ist, wird der Krieg in die ganze Welt exportiert.“ (Renggli S. 116)

 

Die Folter

1252 wird die Folter als Verhörmethode eingeführt, womit dem Wahn Tür und Tor geöffnet ist. Spätestens durch die Folter ist die Inquisition in ein massenpsychotisches Phänomen umgebrochen.“ (Renggli S.122)

 

In den US-Medien wird bereits darüber diskutiert, ob die Folter wieder eingeführt werden soll und bei einer Umfrage der Weltwoche in der Schweiz sprachen sich 30% dafür aus! Nimmt man das Kriterium von Franz Renggli zu Massstab, sind wir bez. die Amerikaner sehr nahe daran, wieder in einen solchen Massenwahn zu verfallen! Wenn ich das vergleiche mit den Stimmungsbildern von Leuten, die am 11. September und danach die USA besucht haben, so ist diese Gefahr gar nicht aus der Luft gegriffen, sondern sehr real.

Die Hexenproben scheinen jedoch mit der Zeit zu umständlich geworden zu sein. Die Hexen können nicht genügend schnell und mit der genügenden Präzision erfasst werden. Deswegen werden Notstandsgesetze eingeführt. Damit kann schon ein blosser Verdacht zur Verhaftung führen, was bereits als Legitimation zur Folter gilt. Gefoltert wird so lange, bis der Angeklagte gesteht. ... Aber auch schon damals wird auch mit Schlafentzug oder mit dem Entzug von Essen und Trinken gefoltert. Ferner kann der Verdächtige wochen-, ja monatelang in Untersuchungshaft gehalten werden, in einem winzigen Raum und angeschmiedet an die Mauern. Wer aus diesen Foltern freikommt, bleibt ein Leben lang verkrüppelt. Ein Überstehen der Folter ohne Geständnis ist praktisch unmöglich. Viele gestehen schon beim Verhör, bei der Androhung der Folter, viele bringen sich auch im Gefängnis um.“ (Renggli S. 127+128)

 

Was Franz Renggli hier beschreibt passierte leider nicht nur im schwarzen Mittelalter, sondern ist auch heute noch weit verbreitet. Damals wie heute spielen sich dieselben wahnwitzigen Mechanismen ab. Die USA haben neue, „patriotische“ Sondergesetze eingeführt. Ausländer haben praktisch keine Rechte mehr und können von Militärgerichten verurteilt werden. 1200 Ausländer wurden verhaftet, über 600 sitzen ohne rechtskräftiges Urteil und ohne Rechtsbeistand in Haft. Rund 5000 Männer zwischen 16 und 45, die sich mit einem Touristenvisum in den USA aufhalten, sollen einem Verhör unterzogen werden. Bedeutende Medien wie Newsweek (5. Nov. 2001) plädieren freimütig für die Anwendung von Folter.

 

Der Hexenhammer

Ganz offensichtlich handelt es sich hier um die zentrale Angst der Männer der damaligen Zeit, in welcher die sexuellen Bedürfnisse besonders stark ausgebildet gewesen sind.“

Ist es nicht viel mehr so, dass die Bedürfnisse gleich bleiben, sie aber in verschiedenen Kulturen und Kulturepochen mehr oder weniger unterdrückt und pervertiert werden?

Dies ist nur ein scheinbarer Widerspruch, denn so, wie ein mächtiger und selbstsicherer Mann in seinem Innersten einen ganz verletzlichen, bis zum grenzenlosen Zerfliessen weichen Kern verbergen muss, so steckt hinter der Hypersexualität der damaligen Zeit eine unendliche Angst der Männer verborgen, ihre Männlichkeit, ihre Potenz zu verlieren. Wir wissen bereits, dass die Zeugungskraft die hauptsächliche Eingangspforte ist, da der Teufel über das böse Weib, die Hexe, den Mann an sich fesselt.“ (Renggli S.142)

 

Sicher sind im allgemeinen Teufelswahn solche Ängste im Zentrum gestanden. Aber was steckt dahinter?

 

Die Angst der Männer vor der Potenz der Frau

Könnte es sein, dass dahinter die Angst der Männer vor der grösseren Potenz der Frau steckt? JederMann weiss, dass viele Frauen den Sex länger geniessen möchten als der Mann es normalerweise kann, dass viele multiorgasmusfähig sind und dass es Frauen gibt, die ab und zu eine Gang-Bang-Party veranstalten. Ich denke, dass in der Zeit der „Hypersexualität“, wie das Franz Renggli bezeichnet, auch die Frauen ihre Sexualität entsprechend gelebt haben. Sicher nicht immer zur eitlen Freude ihrer Ehemänner.

Viel realer als die Angst, dass ihnen ihr Schwanz vom Teufel geklaut wird, war wohl ihre Angst vor der hemmungslosen Sexualität der Frau. Denn das ist eine direkte Bedrohung für den patriarchalen Männlichkeitswahn, der auf dem Bluff einer völlig irreal übersteigerten Potenz aufbaut. Wenn sich zeigt, dass es mit der Potenz eines Patriarchen nicht so weit her ist, dann fühlt sich dieser zumindest verunsichert. Wahrscheinlicher ist aber, dass er sich in seinem Stolz verletzt fühlt, vor allem wenn das noch andere erfahren. Es liegt auf der Hand, dass die z.T. grössere Potenz der Frau in einer Zeit der „Hypersexualität“, in der die Sexualität offener gelebt wurde, für den Mann eine Bedrohung dargestellt haben musste.

 

So gesehen darf der Hexenhammer als das erste tiefenpsychologische Lehrbuch des christlichen Abendlandes betrachtet werden, das vor allem die Ängste der Männer vor den Frauen am Ende des Spätmittelalters bis ins kleinste Detaile beschreibt. ...

Die Hypersexualität im Spätmittelalter hat nicht nur die Männer erfasst. Die Frauen damals sind vermutlich nicht gerade zimperlich gewesen. Wahrscheinlich ist es kein Zufall, dass Hexen zu einem so heftigen sexuellen Begehren neigen. Bekommt eine Frau nicht von ihrem Mann, was sie sich wünscht, sucht sie die Befriedigung bei einem Nächsten. Nicht nur die Männer haben ihre Frauen verlassen, sondern genauso umgekehrt.“ (Renggli S.134)

 

Eine Bedrohung seines Männlichkeitswahns, seines patriarchalen Weltbildes empfindet der patriarchal geprägte Mann auch heute noch als Bedrohung seiner Privilegien, seiner Interessen, seiner Macht. Und seine Reaktion ist verheerend, damals wie heute. Damals gab die Kirche den Hexenhammer in Auftrag. Eine ähnliche Funktion hat heute der Neoliberalismus: Die „neue“ Ideologie/Religion/Lehre der Männer an der Macht. Das Männlichkeits-Ideal ist nicht mehr der Held, der grosse Krieger, der Patriarch – das „neue“ Ideal ist der erfolgreiche Manager, der, der Karriere macht und die Führung übernimmt. Wer zu Geld und Macht kommt, geniesst Ansehen (s. Berlusconi). Das Geld ist die neue Religion, der Markt ist der neue Gott, der neue Tempel heisst Börse, der Erlöser heisst „share holder value“. Dann gibt es neue Heilige: deregulieren, privatisieren, Steuern senken (aber nur für die Reichen, Steuern für die Armen werden erhöht, z.B. die Mehrwertsteuern). Die Frauen werden zwar nicht mehr auf dem Scheiterhaufen verbrannt (ausser in Indien), aber damals wie heute geht die ganze Strategie vor allem auf ihre Kosten (und die der Kinder), vor allem in den armen, südlichen Ländern. In den reichen Ländern gibt es für clevere Frauen neu die Möglichkeit der Partizipation an der Macht, des Aufstiegs von der Sklavin zur Herrin.6

 

Die Spaltung in Maria und Hexe

Die Hexe ist diejenige, die den Mann durch ihre Schönheit und ihre sexuelle Ausstrahlung unendlich bedroht. Maria ist die Sehnsucht des Mannes nach einer Frau und gütigen Mutter, die in ihm kein Begehren und keine Angst vor Abhängigkeit auslöst. Auch dies eine perfekte psychotische Spaltung.“ (Renggli S.147)

 

Heilung durch das Wiedererleben des Traumas

Gibt es einen Weg, aus diesem Teufelskreis auszubrechen? Wie lassen sich diese Mechanismen, die uns hindern, wirklich beziehungsfähig zu werden, überwinden? Willi Maurers Beschreibung unseres Beziehungs-Gefängnisses finde ich sehr treffend. Vieles habe ich auch so erlebt, einiges war aber auch ganz anders. Der Ausweg ist zwar ein langer Weg und voller schmerzhafter Erfahrungen. Es braucht viel Mut, Geduld und Ausdauer, sich seinen Geburts- und Kindheitstraumas zu stellen, sie wieder zu erleben, um sie zu integrieren, aufzulösen und zu transformieren. Ohne einen spirituellen Hintergrund, nach welcher Schule/Religion/Methode auch immer, kommt man in einem Selbstwerdungs-Prozess, der so tief geht, schnell an seine Grenzen. Letztlich sind wir alle viel abhängiger als uns lieb ist und sind auf die liebevolle Hilfe von Menschen, aber auch der höheren Mächte angewiesen. Die Frage ist nur, ob wir auch fähig/gewillt sind, diese Hilfe anzunehmen? Eine grosse Mystikerin, Flower A. Newhouse, sagte einmal: „Etwa 10% der Arbeit müssen wir selber tun, der Rest wird uns geschenkt, ist die Gnade Gottes.“

 

Selbst nach oft jahrelangen Analysen, Gesprächstherapien oder äusserlichen Veränderungen ihrer Lebenssituation finden sie sich immer noch mit dem gleichen unbefriedigenden Grundgefühl oder einer undefinierten Sehnsucht konfrontiert. Dies aus folgendem Grund: In rein intellektuell ausgerichteten Therapiemethoden werden traumatische Erlebnisse aus der sprachlich zugänglichen Kindheitsphase durchgearbeitet. Da es sich jedoch oft nur um thematisch ähnliche Wiederholungserlebnisse von im vorsprachlichen Lebensabschnitt erlebten Traumata handelt, sind die wirklichen, prägenden Traumata nicht aufgelöst.“ (Maurer S.70)

 

Der Hintergrund von „Liebet eure Feinde.“

Elemente der Liebe und des Hasses miteinander zu verbinden ist eine Arbeit, welche eigentlich nie abgeschlossen werden kann. Denn jeder Mensch neigt in einer entsprechenden Krisensituation dazu, wieder mehr mit Verfolgungsängsten (paronoid) und gespalten (schizoid) zu erleben und zu reagieren, d.h. auf das frühkindliche Erleben zurückzufallen. Dies ist die Grundlage jeder Suche nach einem Sündenbock, der aus der Gruppe ausgeschlossen und eliminiert werden soll. Es ist dies die Grundlage des Krieges, da das Feindliche schliesslich vernichtet werden muss.“ (Renggli S.56)

 

Dazu kommt, dass Mächtige, im Grossen wie im Kleinen, diesen Mechanismus bewusst oder unbewusst ganz gezielt einsetzen, indem sie den späteren Sündenbock zuerst mit viel Aufwand aufbauen (Sadam Hussein im Irak, Taliban in Afghanistan) um ihn später abzuschiessen. Im „Kleinen“ lässt sich das bei den Neo-Nazis, den Skinn’s und bei den Rechts-Populisten (Blocher, Haider, Le Penn, Berlusconi, Bush) beobachten, die immer mit einem Feindbild arbeiten, aus dem sie politisches Kapital zu schlagen versuchen.

 

Adorno hat diese Neigung der Menschen zu Unterwürfigkeit einerseits und zur Suche nach einem zu eliminierenden Sündenbock andererseits nicht nur in Deutschland, sondern genauso in den USA gefunden und als autoritären Charakter bezeichnet. Ein Charaktertypus der jederzeit bereit ist, zum Mörder zu werden, wie wir seit den Untersuchungen von Milgram wissen. Ich würde dieses Phänomen als alltäglichen Faschismus bezeichen.“ (Renggli S.56)

 

30% sind unter entsprechenden Voraussetzungen bereit zu foltern, 10% auch zu töten. Dieser alltägliche Faschismus und die gezielte Anwendung durch skrupellose Herrscher, ist keineswegs auf den kapitalistischen Westen beschränkt. Stalin hat meines Wissens mehr Menschenleben auf dem Gewissen als Hitler und sogar die Herrscher der buddhistischen Klöster im alten Tibet liessen arme Bauern, die ihre Abgaben nicht bezahlen konnten gefesselt in den Ziehbrunnen runter, wie Michael Harrer in „Sieben Jahre in Tibet“ schreibt. Es ist nicht eine Frage der Ideologie. In der Geschichte der patriarchalen „Hochkulturen“ wurden schon viele Ideologien zur Sicherung der Herrschaft entwickelt. Besonders verheerend ist natürlich der Missbrauch einer Religion zur Herrschaftsideologie, wie das bei allen sog. Hochreligionen der Fall ist. Insofern hatte Marx recht, dass Religion Opium für das Volk sei. Das Problem ist nur, dass dies auf sein Werk, seine Ideologie genauso zutrifft.

Stephen Zarlenga (Der Mythos vom Geld, die Geschichte der Macht) findet z.B. die ökonomische Theorie von Marx eine der Besten, um indirekt die Interessen des Kapitals zu stützen, da sie Generationen von Unterdrückten auf eine falsche Fährte lenkte und lenke. Die wahren Wurzeln der Macht liegen nicht im Eigentum an den Produktionsmitteln, sondern in der Macht über die Geldschöpfung! 7

 

Der psychotische Kern in uns

Wenn man die Art und Weise, wie eine Kultur mit ihren Kindern umgeht, als Massstab nimmt, könnte man die Wertung der Kulturen genau so gut umkehren: Unter den „primitiven“ Völker, den Eingeborenen, den Wilden in den „Entwicklungsländern“ sind die Hoch-Kulturen zu finden. Natürlich nicht generell, es gibt auch bei diesen grosse Unterschiede. Wir, die patriarchalen High-Tech-Kulturen im „zivilisierten“ Westen, aber auch im nahen und fernen Osten, sind unterentwickelt. Immerhin haben diese Primitiven über 100'000 Jahre existiert, ohne dass die Welt, in der sie lebten, zu Grunde ging. Aber unsere „hochentwickelten“ patriarchalen Kriegskulturen brauchten dazu „nur“ 5000 Jahre. Aber woher kommt es, dass wir auf Selbstzerstörung programmiert sind?

Wir alle tragen diese beiden Teilaspekte in uns, haben uns hin- und hergerissen gefühlt zwischen einem sinnlosen Schreien und einer übergrossen mütterlichem Fürsorge. Wir alle haben diese schizophrene Haltung unserer Mutter als Kind erfahren. Entsprechend gespalten ist auch unser aller Selbstbild in Ohnmacht und Allmacht. Aber alle diese Erfahrung ist tief verschüttet und vergraben, weil wir nie mehr im Leben so verletzt, so verlassen, so missbraucht werden wollen. Abgespalten ins Unbewusste, zugemauert für immer. Ich nenne dies den „psychotischen Kern“ in uns allen.“ (Renggli S.55) (siehe auch "Folgen des verhinderten Imprintings" weiter unten)

 

Die Pionier-Generationen

Wir sind jetzt die ersten zwei, drei Generationen, in denen Männer und Frauen überhaupt begonnen haben, offen und direkt zu kommunizieren. Die Befreiung von alten, patriarchalen Mustern, Verhaltensweisen, inneren Glaubenssätzen und Bildern (Märchenprinz/ -prinzessin) ist einmal ein erster Schritt. Wir müssen uns vom Alten verabschieden und das Neue kreieren, ohne dass wir genau wissen, wie das Neue aussieht, wir können es nur ahnen, intuitiv erspüren. Wir sind sozusagen die Pionier-Generationen. Es braucht sicher noch viel Zeit und Geduld um da zu weiter zu kommen.

 

 

Lösungsvorschläge

 

Die Aufarbeitung unseres psychotischen Kerns –

Grundlage für jede Veränderung

Wir können die Welt nicht ändern; das einzige was wir ändern können ist uns selber. Wer sich ändert, verändert die Welt! Das ist ein Paradox, das viel Weisheit beinhaltet. Die tiefenpsychologische Dimension muss einbezogen werden. Solange wir den psychotischen Kern in uns selber nicht antasten, wird er uns immer wieder in die Quere kommen, wenn wir etwas Neues kreieren wollen. Oder was nützt uns ein(e) PolitikerIn wie Joschka Fischer, der/die sich korrumpieren lässt, sobald er/sie an der Macht ist. Integrität hängt weitgehend damit zusammen, wieweit ein Mensch seinen psychotischen Kern integriert hat.

Wir dürfen uns heute nicht mehr den „Luxus“ erlauben, einen Schuldigen, einen Sündenbock für unsere heutige Krise zu suchen: Den bösen Bankdirektor, den geldgierigen Fabrikmanager, den skrupellosen Bodenspekulanten. Denn süchtig sind wir alle. Die da oben produzieren nur das, was wir da unten hungrig fordern! Wir sitzen alle im gleichen Boot. Wer das nicht erkennen kann, verleugnet seinen eignen Anteil. Er ist blind geworden für die eigene Verantwortung. Und verantwortlich sind wir alle für das was heute geschieht. (Renggli S.250)

 

Die meisten Projekte (z.B. Gemeinschaftsprojekte), Initiativen, Parteien (Die Grünen in Deutschland), Organisationen (Greenpeace) und Bewegungen (68er, 80er, Globalisierung) scheitern nicht nur am Geld oder an organisatorischen Mängeln, nicht nur an ihren blinden Flecken, an ihrer Eingleisigkeit, nicht nur an ihrer inneren Leere, dem fehlen einer kohärenten Strategie, das alles sind nur die Symptome, die Spitze des Eisbergs.

 

Re-ligion und Prävention

Was kann die Menschheit dazu bringen, das Gefühl der Ohnmacht zu akzeptieren und was ist notwendig, damit sie den Schritt vom Hass zur Liebe machen kann? Die Geburt eines Kindes könnte die Gelegenheit bieten, um den seit Jahrhunderten dauernden Teufelskreis zu durchbrechen. Denn wenn Mütter und Väter durch den alle Sinne umfassenden Kontakt mit ihrem neugeborenen Kind tief berührt sind, werden die Hormone Oxitozin und Prolactin aktiviert. Dies sind, wie Michel Odent sagt, die Hormone der Liebe und Fürsorglichkeit. Diese Botenstoffe erleichtern es Eltern, ihr Kind so liebevoll zu behandeln, dass es sein Erleben nicht abspalten muss.

 

Mutterfreuden können jedoch trotz aller guten Absicht getrübt werden, wenn das angekommene Baby in der Mutter den (bislang verdrängten) Schmerz über all das Vermisste aus der eigenen Kindheit anrührt. Dann ist Grund zur Trauer! Sie will gelebt sein und Ausdruck finden im Weinen und im Grollen. Dies führt zum Erkennen des eigenen inneren kleinen Kindes, das genauso erkannt und ans Herz genommen sein möchte wie das gerade Geborene. Mütter, die in diesem Bedürfnis keine liebevolle Unterstützung finden oder sich gegen diese tiefen Gefühle sträuben, erleben oft eine postnatale Depression (die Schulwissenschaft konnte bis heute kein befriedigendes Erklärungsmodell dazu liefern).

 

Wenn die Trauerarbeit der Mutter (und des Vaters, der sonst zum Rivalen des Neugeborenen wird) nicht stattfinden kann, wird das Kind zu einem Störfaktor in der Paarbeziehung. Dann wird das Baby mit seinen Bedürfnisäusserungen in Form von Weinen (von der Schulwissenschaft hilflos als Drei-Monats-Kolik bezeichnet) die Eltern schnell überfordern. In ihrer Hilflosigkeit neigen sie dazu, sich ausgerechnet des am zerstörerischsten wirkenden Machtmittels zu bedienen, welches seit Jahrtausenden das Unheil auf die nächste Generation überträgt: Das Kind ins Kinderzimmer abschieben, um endlich Ruhe zu haben.

 

Ich beobachtete oft, dass Menschen, die in der Gefühls- und Körperarbeit ihre Geburt oder frühe traumatische Situationen emotionell wiedererlebten, auch in andern TeilnehmerInnen deckungsgleiche verdrängte und verborgene Gefühle anrührten. Wer davon berührt, mit seinem inneren Kind durch nochmaliges emotionelles Erleben der traumatischen Erlebnisse rund um die Geburt Kontakt fand, wurde frei für eine Neuorientierung im Umgang mit seinen Kindern und der Umwelt.

 

Diese Erfahrungen liessen mich zur Gewissheit kommen, dass sich Eltern, die bewusst Anteil an der Geburt ihres Kindes nehmen, eine wohl einmalige Chance bietet, mit ihren abgespaltenen Gefühls- und Erlebnisbereichen der eigenen frühen Kindheit in Kontakt zu kommen. Dann geschieht im wahrsten Sinne des Wortes "Re-ligion", Rückverbindung. Doch dazu braucht es eine Umgebung die der Verarbeitung des dabei angerührten Schmerzes förderlich ist. Angehende Eltern tun deshalb gut daran, diese Aspekte in ihren Geburtvorbereitungen zu erörtern.

 

Wünschenswert wäre die Schaffung eines temporären Hausdienstes bestehend aus therapeutisch erfahrenen Menschen, die bereit wären, Mütter nach der Geburt zu "bemuttern" und sie bei der emotionellen Verarbeitung ihrer bewusstwerdenden Erinnerungen zu begleiten. Dies zu fördern erachte ich als eine der wichtigsten Präventionsmassnahmen betreffend der Abspaltung und damit auch der Gewalttendenzen des Menschen.

(Auszug aus der neu überarbeiteten, noch nicht veröffentlichten Fassung des Buches Zugehörigkeit)

 

 

Der Wahnsinn der Normalität

Das Anliegen meines Buches besteht darin zu zeigen, dass wir weltweit nicht nur ökologisch, sondern auch was unsere Ängste betrifft, auf einem Pulverfass sitzen. Umwelt und Innenwelt können nicht getrennnt, gespalten werden, sie sind eine Einheit. Auch bei uns heute ist der Wahnsinn wieder zur Normalität geworden.“ (Renggli S.247)

 

Die meisten Projekte, Visionen und Träume, die meisten Organisationen oder Bewegungen scheitern an unseren Beziehungen: An Konkurrenz (Platzhirsche und Alphatiere), Gruppenego, Neid und Eifersucht, an unserer Unfähigkeit Konflikte auszutragen und unsere Bedürfnisse, Ängste und Wünsche, aber auch unsere Grenzen zu kommunizieren. Die Ursachen des Scheiterns, die Wurzeln des Übels liegen tiefer, in uns. Das Äussere ist nur ein Spiegel unseres inneren Zustandes. Die Tatsache, dass wir am Ast sägen, auf dem wir sitzen, dass wir uns unser eigenes Grab schaufeln, indem wir im grossen Stiel unsere Lebensgrundlagen zerstören, ist ein Spiegel für unsere Selbstzerstörung in unserem Innern. Sicher ist die Atomenergie, die Vergiftung der Meere, die Gentechnologie ein Pulverfass, das ingendwann explodiert. Aber die grösste und gefährlichste Bombe ist in uns. Gut verpackt, gut versteckt, zugemauert mit viel Beton und gerade deshalb umso gefährlicher. Gerade wenn wir einen Beitrag leisten wollen, zu einem Paradigmawechsel, zu einem neuen holistischen Weltbild, ist das nur möglich, wenn wir es wagen, diese Bomben zu entschärfen. Sonst werden wir früher oder später unweigerlich in eines unserer eigener Messer laufen und daran scheitern. Erst wenn wir den Unrat aus unserem Keller ausgeräumt haben, all den Dreck, der sich über Jahrhunderte angesammelt hat, herausmisten, erst wenn wir den Mut haben, all die patriarchalen (und vielleicht auch ein paar matriarchale) Mechanismen anzuschauen, unsere Kindheitstraumas aufzuarbeiten, diese Wunden zu heilen, diese Prägungen zu wandeln, zu transformieren, erst dann, wenn wir beginnen vor der eigenen Türe zu kehren, werden wir „Erfolg“ haben, wird unsere Arbeit Früchte tragen, werden wir den Stein ins Rollen bringen und - Berge versetzen.

 

Die fatalen Folgen für unsere Beziehungen

ich wiederhole hier ein zitat von renggli:

Was sind die Folgen dieser Grundprägung für die Beziehung zwischen den Geschlechtern? Wie die Mutter erlebt wird, ist Vorbild für beide, für Mann und Frau, denn für den kleinen Knaben wie für das kleine Mädchen ist sie die erste Bezugsperson und die Urerfahrung von Nähe und Liebe. Beide Geschlechter sind gespalten in dieser Urerfahrung von Nähe und Geborgenheit, gespalten in eine unendliche Sehnsucht und eine ebenso grosse Urangst, wieder verlassen zu werden. Beide, Mädchen wie Knaben, hoffen als erwachsene Menschen, vom Partner all das zu bekommen, was sie bei der Mutter vermisst haben. Je verlassener und einsamer sie waren, desto grösser ist die Hoffnung und Erwartung, die Idealvorstellung vom Partner. Mit Zärtlichkeit und Sexualität sollte die innere Leere und Vereinsamung ausgefüllt werden, ein Versuch und eine Hoffnung, die von Anfang an zum Scheitern verurteilt sind. Nie wieder eine solche Nähe wie bei der auffressenden Mutter. Das ist zuviel, das ist bedrohlich. Die innere Stimme der Frau hingegen sagt: Diese Nähe und Geborgenheit sind zuwenig, diese Art von Begehrtwerden reicht mir nicht aus. Die Angst des Mannes vor einer nahen Beziehung und sein Wunsch nach Abgrenzung stehen dem nie enden wollenden und unersättlichen Wunsch nach Nähe und Begehrtwerden der Frau gegenüber. Frauenfeindlichkeit und Männerhass prallen unversöhnlich aufeinander. Begründet und geprägt in der frühen Entfremdung zwischen Mutter und Kind, erzwungen durch unsere Kultur und Zivilisation. (Renggli S.222)

Gesundschrumpfen und neue Werte

Ein Ausweg aus unserer „Normalität“ – aus dem Machtrausch oder der Konsumwut – kann gar nicht anders als über eine Krise führen. So gesehen ist die Krise heute eine Chance. Vielleicht hilft die Erfahrung von einigen, die den „Entzug“ bereits erlebt haben. ... Anstelle unserer alltäglichen Trunkenheit und Selbstdestruktion mittels Arbeit tritt vielleicht so etwas wie eine neue Menschlichkeit. Vielleicht finden wir den Weg zurück zu Beziehungen zu anderen Menschen, zu Nähe. Den Weg zurück zu den ursprünglichen menschlichen Bedürfnissen nach Wärme und Geborgenheit. Vielleicht gelingt es uns mit diesem Erfahrungshintergrund, die Machtstrukturen dieser Welt aufzubrechen. Die Demokratie in die Wirtschaft einzuführen, den kapitalistischen Geist zu überwinden. ... Die Demokratisierung der Wirtschaft kommt – oder der Öko-Kollaps.

Die Lösung der Krise ist heute also niemals eine technische. Zwar brauchen wir dringend eine neue, umweltschonende Technik, noch wichtiger aber sind neue Werte, eine neue Ethik. Eine innere Bereitschaft, nach dem Sinn unseres Lebens zu suchen. Die Suche nach einer neuen Spiritualität.“ (Renggli S.251)

 

Geld

Es ist wichtig an die Wurzeln des Übels vorzudringen und nicht nur die Symtome zu bekämpfen. Es geht nicht ohne eine Bewusstseinesbildung über die Ursachen und Hintergründe der Macht des Geldes. Wer hat das Monopol der Geldschöpfung und warum? Wozu wird diese Macht verwendet bez. Missbraucht? Was sind die Namen der Männer, die in den Schlüsselpositionen sitzen und wie heissen die Hintermänner die ihnen sagen was sie machen sollen? Wir könnten eine Liste erstellen: Wer gehört zu den mächtigen Hintermänner und was machen sie mit ihrer Macht? So können wir auch besser für sie meditieren/beten, dass sie lernen, ihre Macht zu lebensdienlichen Zwecken einzusetzen statt immer noch mehr negatives Karma anzuhäufen. Auf jeden Fall sollten wir das Kind beim Namen nennen (in Theorie und Praxis) und mit unseren inneren und äusseren „Kindern“ Kontakt aufnehmen. Wenn der direkte Kontakt auf der materiellen Ebene nicht möglich ist, so doch auf der immateriellen. Das ist deshalb wichtig zu wissen, weil alles zusammenhängt. Wenn wir unsere ideologischen Feindbilder abbauen, können wir auch unsere inneren Spaltungen besser integrieren und umgekehrt. Wichtig finde ich auch, dass wir nicht zu stolz sind, um Hilfe zu bitten, denn so können sich Türen öffnen, die bisher verschlossen waren.

1 Eine Hochkultur zeichnet sich vor allem dadurch aus, dass sie sich selber höher stellt, überhöht und die anderen Kulturen abwertet, als primitiv, unterentwickelt und minderwertig darstellt.
2
s. Rubrik Geld: Mysterium Geld. Das Wesen des Geldes verstehen lernen heisst, die Zukunft neu gestalten. von Hans-Peter Studer
3
s. Rubrik Geld: Das Tabu Geld. Woher nimmt der Geldadel seine Macht? Das am besten gehütete Geheimnis von Markus Rüegg
4
Otfried Eberz: Sophia – Logos und der Wiedersacher. Eine geschichtsphilosophische These. Mein Artikel „Das Tabu Religion - Woher kommen die Weltreligionen und wem dienen sie?“ kommt als Nächster auf diese HP.
5 s. Rubrik Krieg: Offener Brief an G.W.Bush
6
siehe mein Artikel: „Eros & Sophia I, Netztwerk für kreative Beziehungen“ S. 2+3
7
s. Rubrik Geld: Das Tabu Geld. Woher nimmt der Geldadel seine Macht? Das am besten gehütete Geheimnis von Markus Rüegg

 

Literatur:

Ashley Montagu, Körperkontakt

Chamberlain, Sigrid, Adolf Hitler, die deutsche Mutter und ihr erstes Kind, Psychosozial

Eberz Otfried, Sophia – Logos und der Wiedersacher, Eine geschichtsphilosophische These, Selbstverlag Lucia Eberz, Nigerstr. 2, 8 München 80

Harrer Heinrich, Sieben Jahre in Tibet, Ullstein Verlag

Hüther Gerald, Biologie der Angst, Vandenhoeck

Kirkilionis Evelin, Ein Baby will getragen sein, Kösel

Liedloff Jean, Auf der Suche nach dem verlorenen Glück, Becksche Reihe

Lietaer Bernhard A., Mysterium Geld, Emotionale Bedeutung und Wirkungsweise eines Tabus, Riemann Verlag

Maurer Willi, Zugehörigkeit, der verpasste Augenblick – ist er nachholbar?, im Eigenverlag

Messmer Rita, Ihr Baby kanns., Kreuz-Verlag

Odent Michel, Die Wurzeln der Liebe, Walter

Renggli, Franz, Der Ursprung der Angst, Antike Mythen und das Trauma der Geburt, Walter-Verlag.

Renggli Franz, Selbstzerstörung aus Verlassenheit, Die Pest als Ausbruch einer Massenpsychose im Mittelalter; Zur Geschichte der frühen Mutter-Kind-Beziehung, Rasch&Röhring (vergriffen)

Risi Armin, Unsichtbare Welten, Der multidimensionale Kosmos Band 2, Govinda-Verlag

Shahak, Israel, Jüdische Geschichte, jüdische Religion

Wild Rebeca, Erziehung zum Sein, Mit Kindern wachsen, Beltz

Zarlenga Stephen, Der Mythos vom Geld – die Geschichte der Macht. Conzett Verlag

 

Infos im Internet zum Thema Imprinting: www.continuum-concept.de www.birthworks.org/primalhealth/ www.fraternet.org/naissance//docs/pau-fr.htm www.psc.uc.edu/hs/HS_Prescott1.htm

http://home.sunrise.ch/maurer_/

 

 

 

copyright bei markus rüegg,

übernehmen mit quellenangabe und nach absprache ist erwünscht

und für nicht kommerzielle zwecke kostenlos.

 

 

 

 

 

Anhang: Es folgt eine Sammlung von Zitaten zum Thema

Der psychotische Motor unserer Zivilisation

 

Gekürzte Auszüge aus der neu überarbeiteten Fassung des Buches "Zugehörigkeit", die dienlich sein könnten.

 

Folgen des verhinderten Imprintings

Als extremes und warnendes Beispiel für das verhinderte Imprinting und seine Folgen könnte uns Hitler-Deutschland dienen, wo bewusst die Trennung der Babys von der Mutter propagiert und verbreiteterweise schon lange vorher praktiziert wurde, wie dies Sigrid Chamberlain in ihrem Buch «Adolf Hitler, die Deutsche Mutter und ihr erstes Kind» eindrücklicherweise beschreibt. Sie nennt u.a. den massenpsychotischen Verehrungskult und den nationalsozialistischen Kameradschaftsgeist, der sich hin bis zum idealisierten Kadavergehorsam manifestierte. Die daraus resultierenden Vorkommnisse könnten uns ein Lehrstück sein, um uns die Augen zu öffnen. Doch darüber zu sprechen, kommt (laut Chamberlain) noch heute einem Tabubruch gleich.

Von den damals als «vorbildlich» geltenden Erziehungsbüchern, die darauf hinzielten, dass das Baby lernen müsse sich dem Willen der Eltern zu unterwerfen und sich mit der Einsamkeit abzufinden, wurden in Europa rund vier Millionen Exemplare verkauft. Diese Bücher verkauften sich bis in die achtziger Jahre hinein und prägten massgebend die Erziehungskonzepte und zwar weit über den deutschen Sprachraum hinaus.

Weil die Vereinigten Staaten eine Vorreiterrolle in der Welt übernommen haben und ihre Kultur überall an Einfluss gewinnt, sind Beobachtungen betreffend ihrem Umgang mit Babys und dem daraus resultierenden Verhalten der Erwachsenen besonders aufschlussreich.

In verschiedenen Waisenhäusern der Vereinigten Staaten lag im zweiten Jahrzehnt des zwanzigsten Jahrhunderts die Sterblichkeitsziffer der Kinder unter einem Jahr bei beinahe hundert Prozent. Zu dieser Zeit stand Amerika unter dem Einfluss von Dr. Holt Senior, Professor der Pädiatrie an der Columbia University und Verfasser des Buches «The Care and Feeding of Children», das im Jahr 1894 zum ersten Mal publiziert wurde und 1935 in der 15. Auflage erschien. Er lehnte die Wiege (die ohnehin schon ein Ersatz für menschliche Nähe war, aber durch das Schaukeln beruhigend wirkte) ab, riet davon ab, das Kind in die Arme zu nehmen und wenn es schrie, empfahl er, die Babys nach genauen Uhrzeiten zu ernähren und sie nicht durch zu häufiges Anfassen oder Streicheln zu verwöhnen. Holts Buch wurde von Millionen von Müttern gelesen. Frauenzeitschriften verbreiteten seine Theorien und eine gewisse Lisbeth D. Price, leitende Autorität in der Ausbildung von Schwestern, veröffentlichte ein Lehrbuch über Säuglingspflege. Darin betonte sie, dass Säuglinge nie gewiegt oder an der Schulter der Pflegerin zur Ruhe gebracht werden dürften (Ashley Montagu, Körperkontakt). Dies hatte weltweit Folgen, denn wer wollte nicht ebenso fortschrittlich sein wie diese Vorzeige-Nation.

Erst nach dem zweiten Weltkrieg liess die Tatsache aufhorchen, dass in gutsituierten Familien die Sterblichkeitsrate von unter einjährigen Kindern höher war als in armen Familien, wo mangelhafte hygienische Bedingungen herrschten. Der Grund war offensichtlich, dass die Säuglinge mehr Körperkontakt zur Mutter hatten.

Mütter, die sich Babynahrung leisten konnten, verzichteten auf ärztlichen Rat hin weitgehend auf das Stillen. Dies nicht allein wegen dem Glauben an »Autoritäten«, sondern auch aufgrund eines körperfeindlichen Reinlichkeitswahns, der eigentlich der Abwehr von Nähe diente. Die Frauen wollten auch dem herrschenden Schönheitsideal entsprechen, das einen straffen Busen propagierte. In dieser Zeit wurde auch der Kaugummi auf den Markt gebracht. Er erlaubte es, unbewusst und auf sozial verträgliche Weise dem Mangelgefühl und der Wut über die vorenthaltene Mutterbrust Ausdruck zu verleihen.

Als das «Bemuttern» durch das Personal in den pädiatrischen Säälen eingeführt wurde, sank die Rate der Sterbefälle von 35 Prozent auf weniger als 10 Prozent. Um die Mitte des neunzehnten Jahrhunderts begann das Pflegepersonal in verschiedenen amerikanischen Krankenhäusern zur Fütterung von Säuglingen Schaukelstühle einzusetzen. Doch bezeichnenderweise (infolge der Abgespaltenheit) kam immer noch niemand auf die Idee, dass Neugeborene nirgendwo anders hingehören als zu ihrer Mutter.

Die Generation von Kindern von denen hier die Rede ist, sind heute daran einen neuen Weltkrieg zu inszenieren! Diejenigen die dabei noch abseits stehen, werden aufgrund ihrer unbewussten Anlagen mit Hilfe regierungskonformer Nachrichtenagenturen und Massenmedien zur Kriegsbereitschaft hin manipuliert.

 

Die Zweitwahl – ein Ausbeutungspotential

Verlassenheit wird in unserem Kulturkreis mit symbolischem Ersatz besänftigt: Erst mit dem Schnuller und der Babyflasche, später mit Spielsachen und Süssigkeiten, dann mit Rauchwaren, Rausch-, Betäubungs- und Genussmittel, sowie mit exzessiven Konsum- und Modegewohnheiten und mit Ferien, weit weg vom grauen Alltag. Besonders hervorheben möchte ich den Mobilitätswahn, denn er bietet ideale Möglichkeiten, dem schmerzlichen Hier und Jetzt (in welchem sich das alte getrübte Zugehörigkeitsgefühl bemerkbar machen könnte) zu entrinnen.

Die in früher Kindheit gekränkte Menschenwürde schwächt unser Immunsystem und führt zu mangelnder Wertschätzung des Lebens. Letzteres ist mitbeteiligt am Eingehen von Unfall- und Katastrophenrisiken. Gesundheits-, Heilungs- und Reparaturkosten ergeben ein riesiges Ausbeutungspotential, das zusammen mit all den Anstrengungen, den «Mangel» zu besänftigen, die Grundlage bildet für ein weltumspannendes Eldorado an Ausbeutungs- und Gewinnmöglichkeiten für multinationale Gesellschaften.

Die Globalisierung ebnet diesen Gesellschaften den Weg zur scham- und skrupellosen Ausbeutung materieller und menschlicher Ressourcen. Diese Ausbeutung versteckt sich hinter dem Deckmantel der Demokratie, der emporgejubelten Privatisierung, der Liberalisierung und der Freiheit. Nur wenige Menschen merken deshalb, wie wir über Profitgier und Überflusskonsum mitbeteiligt sind am Entstehen global agierender Handelsmachtblöcke, die auf schwer durchschaubare Weise im Begriffe sind, weltweit die politische Macht zu untergraben.

Im heute mehr und mehr verbreiteten Gewinnstreben der Multis entspricht der durch Habgier motivierte Manager dem Anforderungsprofil für Top-Positionen. Habgier wird nicht nur in ökonomischen Lehrbüchern als angeboren dargestellt. Dies ist nicht verwunderlich, denn die Entstehungssituation ist und bleibt der Schulwissenschaft verschlossen. Dies aus folgenden Gründen:

- Die gleichen Kreise, die von diesem System (aus Menschen, die ihren inneren Mangel durch ihr Konsumverhalten zu stillen versuchen) profitieren, üben auch massgebenden Einfluss bei der Finanzierung von Forschungsprojekten aus. Von Seiten des Blockes der Profiteure ist keinerlei Interesse an Forschungen zu erwarten, die die erwähnten Zusammenhänge ans Licht bringen oder gar eine gesellschaftliche Diskussion auslösen würden.

- Das emotionelle Wiedererleben früher traumatischer Kindheitssituationen, in denen die Gefühle des Mangels herrschen, ist mit soviel Loslassen vom Halt an angelerntem Wissen verbunden, dass da keiner mehr hin will, der in seiner Karriere Lebenssinn gefunden hat. Der emotionelle Preis der Selbsterfahrung erscheint sogenannt «gefestigten» (verhärteten) Menschen viel zu hoch (Sie entscheiden sich bestenfalls für einen Studienabschluss in Psychologie).

- Unter denjenigen Menschen, die ihre frühesten traumatischen Kindheitserfahrungen nochmals durchlebt haben, gibt es nur wenige, die bereit sind, Zeugnis darüber abzulegen, was es bedeutet, als Neugeborenes zur Seite gelegt worden zu sein. Dies, weil solche Menschen erneut riskieren verletzt zu werden, indem ihre Glaubwürdigkeit bezweifelt wird. Ihre Aussagen haben auch keinerlei Chance wissenschaftlich anerkannt zu werden, da sie immer nur subjektiv und damit nicht messbar sein können.

- Die an Universitäten vermittelte Psychologie, welche sich immer noch an den Theorien von Sigmund Freud orientiert, ist infolge der Abgespaltenheit ihrer Begründungsväter (und infolgedessen beschränktem Zugang zu inneren Zusammenhängen) kein taugliches Hilfmittel, um Auswege aufzuzeigen. Dennoch werden ihre Theorien weiterhin, unter anderem auch dem Pflegepersonal im Gesundheitssektor, weitervermittelt.

  • Der von Freud begründete Ödipuskomplex ist massgeblich mitbeteiligt an Irrtümern, die heute noch ihr Unwesen treiben und das männliche Machtgebaren stützen.

 

 

Sehnsucht und Sucht

Sehnsucht ist aber immer auch eine Sucht. In der Sucht sucht ein Mensch, was er nie erreichen kann. Er versucht, sein inneres, emotionales Loch, seine innere Leere aufzufüllen, die nicht auffüllbar ist – so muss das Suchtmittel notwendigerweise immer stärker werden. Ein Partner aber kann nie erfüllen, was ein sehnsüchtiger Mensch wirklich braucht. Und so wächst die Gefahr, dass die Männer von ihren sexuellen Wünschen und Bedürfnissen, ursprünglich vom Wunsch nach Nähe und Geborgenheit, buchstäblich überflutet werden. Dieser Zustand ist nicht aushaltbar, es stimmt sie hilflos und total ohnmächtig. ... In dieser Situation neigen die Männer zur Flucht nach vorn, zur Macht um jeden Preis, noch besser Allmacht. Und je mehr die Entfremdung und die Distanz der Menschen zueinander wachsen, je stärker ihre Scheu voreinander, ihre innere Einsamkeit werden, desto mehr erleben die Männer ihren Körper, ihre Frau, ihre Umgebung, die Natur schlechthin als Chaos. Und dieses Chaos ist etwas Böses. So werden die Männer körperfeindlich, feindlich auch ihren Gefühlen gegenüber, sie sind genuss- und fauenfeindlich, feindlich gesinnt allem Naturhaften gegenüber. Notwendigerweise wird dadurch wiederum die Distanz zur Partnerin, zum Mitmenschen verstärkt – ein Teufelskreis. Und je mehr die anderen zu Bedrohung werden, desto mehr muss sich der Mann wiederum beherrschen, er muss Macht und d.h. Kontrolle ausüben über seine Gefühle, über seine Lust, über seinen Körper, über sich selbst, über die Natur und über die Frau. Hypersexualität, geboren aus dem Mangel an Nähe muss als die Kehrseite der Frauenfeindlichkeit gesehen werden. Beide Phänomene bedingen sich wechselseitig, auch hier ein Teufelskreis.“ (Renggli S.149)

 

Die Befriedigung der Ersatzbedürfnisse beginnt oft mit der Flasche und dem Schnuller anstelle der gewünschten Mutterbrust; wird mit Teddybär und Gummibärchen anstelle des In-die-Arme-genommen-Werdens fortgesetzt. In der Konsequenz wird die Einsamkeit mit Alkohol-, Zigaretten- oder Fernsehkonsum betäubt oder versucht, ihr durch Karrierestreben zu entkommen.

Ersatzbedürfnisse zu befriedigen bedeutet immer Zweitwahl treffen, was nicht zu wirklicher Zufriedenheit führt. Sie ist vergleichbar mit einem Fass ohne Boden und kann zu einer Sucht werden.“ (Maurer S.69)

 

Das Gefühl von Ausgeschlossen sein und

die Unfähigkeit, im „Hier und Jetzt“ zu sein

Es kann passieren, dass Teilnehmende (eines work shops – vorallem wenn er noch zweisprachig geführt wird) aus dem Gefühl heraus, ausgeschlossen zu sein, den Koffer packen und die Gruppe verlassen wollen. ... Die Menschen, die das Gefühl des Ausgeschlossenseins an sich heranlassen, sind sehr schnell in Kontakt mit ihren Gefühlen der frühsten Kindheit. Sie erleben sich als Neugeborene, deren Eltern eine „fremde Sprache“ sprechen, denen sie sich in iherer Bedürftigkeit nicht verständlich machen können. Die körperlich und seelisch erlebte Trennung löst oft Todesangst aus, der Körper reagiert mit Zusammenziehen und drückt den Wunsch aus, wieder in den geschützten Mutterleib zurückzukehren. Keine Chance – es bleibt nur das lebensbedrohende Gefühl der Verlassenheit. ...

Und so blieb schliesslich nur noch die in unserem Kulturkreis am häufigsten gewählte Art des Schutzes vor dem Urschmerz: geistig oder psychisch „abwesend“ zu sein; woraus die Unfähigkeit resultiert, im „Hier und Jetzt“ zu sein. (siehe auch "Die Zweitwahl – ein Ausbeutungspotential" ganz am Schluss) In der Verletzlichkeit während der Adoleszenz (13-20) wird das heranwachsende Kind, ohne Wissen um die tief verdrängt liegenden Geschehnisse der frühesten Kindheit, doch mit voller Wucht mit jenen daraus entstandenen Gefühlen konfrontiert. Das Gefühl der Verlassenheit, des Unverstandenseins und der daraus resultierenden Traurigkeit, Resignation und Depression endet wie in frühester Kindheit bei der Appetitlosigkeit oder dem Wunsch, zu sterben.“ (Maurer S. 95)

 

 

 

Der universell süchtige Menschtypus des heutigen Zeitalters –

Motor unserer industialisierten Welt und der Hochrüstung

Anzeichen einer Psychose ist der Wahn, das quälendste Symptom einer Geisteskrankheit. Im Wahn können die Menschen nicht mehr unterscheiden zwischen ihren kranken Phantasien und Ängsten einerseits und der Wirklichkeit andererseits. Anhand von Phänomenen wie den Geisslerzügen, der Tanzwut, einem allgemeinen Teufelsglauben, vor allem aber anhand der Hexenvervolgung möchte ich zeigen, wie nicht nur einzelne Menschengruppen, sondern Europa kollektiv in jener Zeit in einem Wahnsystem ertrunken ist. Der Ursprung einer Psychose, einer Geisteskrankheit liegt in einer Störung der allerersten Zeit nach der Geburt. Es ist die Zeit der grössten Prägbarkeit, die Zeit der höchsten Verletzlichkeit. ... Dieses Phänomen – ablesbar an den Marienbildern – bezeichne ich als die gespaltene Einstellung der Mütter ihren Kindern gegenüber. Die Babys müssen sich hin- und hergerissen gefühlt haben zwischen der Hölle der Verlassenheit, ausgedrückt in ihrem Schreien, und andererseits einem „Paradies“ an Übernähe, welche in ihnen eine ähnliche Angst und Abwehr wachgerufen hat. Diese gespaltene Einstellung der Mütter, gespalten in Liebe und Hass, ist vergleichbar mit der gespaltenen Einstellung der Männer ihren Frauen gegenüber – Männer, welche diejenigen Personen als Hexen auf dem Scheiterhaufen verbrannt haben, die sie zugleich am meisten begehrten. Spaltung jedoch, klare und radikale Spaltung in Liebe und Hass, ist der Urgrund jeder Psychose. ... Durch die frühe und konsequente Trennung von Mutter und Kind – und wir alle gehören noch zu dieser Generation – ist im Innersten jedes Menschen ein panisches Gefühl von Verlassenheit eingeprägt worden, unauslöschlich. Jeder erwachsene Mensch trägt in sich ein nie aufhörendes und quälendes Gefühl der Einsamkeit. Aus dieser Verletztheit heraus werden die Menschen immer ängstlicher und damit unfähiger, eine wirkliche Beziehung einzugehen. Eine nie zu stillende Gier ist die Folge – die Sucht nach Konsum statt des Suchens nach menschlicher Nähe. Der universell süchtige Menschtypus des heutigen Zeitalters ist entstanden, Motor unserer industialisierten Welt. Eine Sucht, mit welcher wir langsam aber unerbittlich unseren Planeten plündern, und in einen Abfallberg verwandeln werden.“ (Renggli S.10-14)

Die Spaltungen bei den Frauen und Männern sind ähnlich ausgebildet, sie bedingen und verstärken sich wechselweise und treiben Mann und Frau in eine grössere Isolation und Einsamkeit hinein. Es ist wirklich ein „hoher Preis“, den die Menschen zahlen müssen für diesen Zivilisationsprozess.

Gibt es Lösungen, gibt es Strategien für diese Ängste, um aus dieser äusserst schwierigen Situation in der Beziehung der Geschlechter doch noch einen Ausweg zu finden? ... Die meist Energie des Mannes fliesst in die Arbeit. Und genau das braucht die neu aufkommende Wirtschaftsstruktur der Städte, der aufkeimende Kapitalismus. Die neue Arbeitsethik ist ein „Abfallprodukt“ des Geschlechterkampfes, der Unmöglichkeit der Beziehungen, der Ängste der Männer vor den Frauen. Je mehr Angst sie haben, desto mehr muss die Energie in Arbeit, Leistung und Pflichtbewusstsein umgewandelt werden. Das Leistungsprinzip wird jetzt höher bewertet als das Lustprinzip.

Und die Frauen? Sie ziehen sich heimlich und enttäuscht von ihren Männern zurück, um ihre Liebe, all ihre Hoffnung und Erwartungen auf die Kinder zu übertragen.“ (Renggli S.151)

... je schwieriger die Beziehungen sind, um so mehr neigen die Menschen dazu, in eine Sucht auszuweichen. ... Ohne unsere Süchte wäre wir alle längst psychotisch geworden. Sucht ist eine Plombe, damit wir den Schmerz unseres Elends aushalten, damit wir unsere psychotische Struktur nicht spüren müssen. Eine Plombe, um unsere innere Leere zu überbrücken. ... Jede Sucht ist auch ein Indikator für unsere innere Vereinsamung. Der Grad von Süchtigkeit zeigt an, wie unmöglich Beziehungen und ein wirkliches Erleben von Nähe geworden sind. Eine Sucht ist eine vergebliche Suche nach Nähe. Je mehr den Menschen die Liebe fehlt, desto grösser wird ihr Ersatzhunger, die Sucht. ...

Der Ursprung von all diesem Elend liegt in der Verlassenheit des Kleinkindes, in der Entfremdung von Mutter und Kind. Diese ist aber auch gleichzeitig die „optimale“ Anpassung des Menschen an die entfremdete Arbeit ... Gleichzeitig sind die Vereinsamung des Kleinkindes und der damit geweckte Riesenhunger nach Nähe, Ursprung unserer nie erfüllbaren und nie stillbaren Sucht: Motor für den gesamten Industriekapitalismus.

Die kleinkindliche Vereinsamung und die damit verbundene Destruktivität und Wut in uns allen sind schliesslich auch die Quelle eines nie stillbaren Sicherheitsbedürfnisses, Grundbaustein und Antriebsfeder für unsere Hochrüstung. ... Die Bedrohung unserer Welt mit unseren Waffen und die Umweltzerstörung sind nur die beiden Seiten ein und derselben Medaille. ... Unsere Umweltzerstörung, unsere Hochrüstung und die frühkindliche Verlassenheit sind eine nicht zu trennende Einheit. Es ist die Grundlage der Globalen Krise, inmitten der wir uns heute befinden.“ (Renggli S. 228+229)

 

Sex ohne Liebe

Der Konsum hat auch in unsere Sexualität Einzug gehalten. Je intensiver unser Wunsch nach Nähe geworden ist, desto überbordender wird unser Sexualverhalten. Sex anstelle von Nähe. Sex als Ware. Liebe und Sexualität sind so säuberlich und fein getrennt, für immer gespalten. Es ist die menschliche Bankrotterklärung unserer Kultur.“ (Renggli S. 228)

 

AAO

Zu jener Zeit war die Rede von der „sexuellen Revolution“, die von den Forschungen Willhelm Reichs (einem Schüler von Sigmund Freud) ausging. Die Hippi- („make love not war!“) und Studentenbewegung führte zur Bildung von Kommunen, in denen versucht wurde, Reichs Theorien in die Praxis umzusetzen. Aus dieser Bewegung ging u.a. die „Aktionsanalytische Organisation“ AAO hervor, eine Kommune mit über hundert Mitgliedern, die sich um den wiener Aktionskünstler Otto Mühl bildete. Diese Gruppe setzte sich zum Ziel, Kleinfamilienstrukturen zu durchbrechen. Alles wurde geteilt: Besitz, Arbeit, Verdienst, Kultur, soziales Zusammenleben und die Sexualität. Die Mütter wurden von der Gemeinschaft unterstützt, um ganz für ihre Säuglinge dasein zu können, solange diese es brauchten. Die Resultate waren phänomenal: Ihre Kinder waren, verglichen mit andern; in der Entwicklung auf allen Gebieten weit voraus und früh selbständig. ... Um sich von „kleinbürgerlichen“ Gewohnheiten zu befreien, praktizierte die AAO die „Selbstdarstellung“: eine Art expressive Psychotherapie, um Konflikte anzugehen und frei zu werden für die offene Paarbeziehung. Leider wurde dies zu einer Art Dogma und es wurde versucht, die Tatsache des „Sich-Verliebens“ mit rationalen Argumenten und psychischer Druckausübung aus der Welt zu schaffen. Ich hatte Kontakt zu einigen dieser Kommunenmitglieder und erkannte, dass sie sich so, ohne sich dessen bewusst zu sein, einer wertvollen Gelegenheit beraubten, um den Zusammenhängen des Verliebtseins wirklich auf die Spur zu kommen und zur wirklichen Liebe zu finden. Daraus hätten sie ein Modell entwicheln können, das nicht Schiffbruch erleiden musste (Otto Mühl wurde später wegen Missbrauchs Minderjähriger verurteilt) (Maurer S.21)

 

Wilhelm Reich

Wilhelm Reich hat bahnbrechende Grundlagenforschung zu den verheerenden Folgen fehlender Prägung gemacht. Er kam jedoch meines Wissens nie zur Erkenntnis, dass es der verpasste prägende Augenblick zwischen Mutter und Neugeborenen zum einzig richtigen Zeitpunkt – nämlich gleich anschliessend an die Geburt – sein könnte, der der Ursprung der – wie er sie nannte – „emotionellen Pest“ ist. ...

Es ist wie verhext! Genau wie Reich und seine Frau verkennen auch heute noch selbst jene Menschen, die langjährige Therapieerfahrung haben und therapeutisch oder psychriatrisch tätig sind, den wahren Stellenwert des prägenden Sinneskontaktes zwischen Mutter und Kind im Anschluss an die Geburt. ...

Alles was Wilhelm Reich auf bahnbrechende Art erforschte und in seinen Büchern beschrieb, interpretierte er als Folge unterdrückter Sexualität. Er kam jedoch nie zum Schluss, dass unterdrückte Sexualität und Orgasmus-Unfähigkeit in der verpassten Prägung zwischen Mutter und Neugeborenem seinen Ursprung haben könnte.

Durch die in den USA gerichtlich angeodnete öffentliche Verbrennung von Reichs Schriften und Büchern, wurde nach meiner Einschätzung der wichtigste Botschafter einer unbequemen Wahrheit unserer Epoche mundtot gemacht. Dass seine Botschaft das Ziel um ein Haar verfehlte, ist ihm nicht anzulasten: Er hat sein Möglichstes getan und war seiner Zeit – und vermutlich selbst der heutigen Wissenschaft – in wesentlichen Aspekten weit voraus. Den einseitigen, gezielt verbreiteten Eindruck, er habe sich gegen sein Lebensende von seiner ursprünglichen forschenden Objektivität in offensichtlich wahnhaften Wahrnehmungsebenen verfangen, berechtigt nicht, seine Forschungsergebnisse zu entwürdigen. Diese sind heute mehr denn je Impulse für Antworten auf aktuelle Fragen unserer Zeit zu Krankheit, Machtmissbrauch und gestörter Sexualität.“ (Maurer S.109)

 

Gewaltfrei Gebären

Michael Odent, einer der Pioniere der Bewegung für eine gewaltfreie Geburt, sagt, dass Ärzte, Pflegepersonal und zukünftige Väter die Kunst der Zurückhaltung und den Respekt vor der intimen Sphäre der gebärenden Frau erlernen müssen. Das heisst ihr zuzutrauen, dass sie mit ihrem mütterlichen Urwissen das Richtige tut im Umgang mit ihrem Neugeborenen; ihr den Raum zuzugestehen, in welchem ungestört die ersten sinnlichen Bindungen entstehen können. Dies wurde über Jahrhunderte verhindert, indem überwiegend männliche „Spezialisten“ in den Geburtsprozess eingriffen.

Der auf das Neugeborene eifersüchtige Mann versucht den gesunden Kontakt zwischen Mutter und Kind mit scheinbar realitätsgerechten Argumenten zu untergraben. Diese kaschieren in Wirklichkeit seinen hassvollen Neid über die Macht der Frau, sich von ihm ab- und dem Kind zuzuwenden.

Die wirtschaftliche und gesetzlich verankerte Macht des Mannes in Verbindung mit der Angst der Frau, von ihm verlassen zu werden, liess sie fügsam und autoritätsgläubig werden. So gab sie oft dem Mann den Vorrang gegenüber dem Neugeborenen. Beide, Mutter und Kind verpassten dadurch den prägenden Sinneskontakt und so war die erste prägende Lebenserfahrung, sich ausgeschlossen anstelle von zugehörig zu fühlen, wertlos anstelle von wertvoll zu sein.

Wiederholt sich diese Erfahrung in den ersten Lebenstagen, wird das Selbstwertgefühl für immer gestört. Es äussert sich u.a. darinn, widerspruchslos, ohne Selbstvertrauen, ohne eigene Kraft und Kreativität mit anderen konform zu gehen.

Einmal erwachsen, tendieren diese Menschen dazu, sich das Leben so einzurichten, dass sie von einem anderen, scheinbar „Stärkeren“, aus dem Gefühl des Unwertseins errettet werden wollen.“ (Maurer S.94)

 

Die „braven“ Männer/die Spiesser/die netten Nachbarn

Allgemein habe ich beobachtet, dass Personen, die in frühster Kindheit „brav“ geworden waren – um die Zugehörigkeit nicht zu verlieren – ihren verdrängten Hass gegen sich selbst richten. Er manifestiert sich versteckt hinter Versagen im Leben, tiefem Selbstunwertgefühl, Krankheit, Unfallneigung, Ruinieren der Gesundheit durch Rauchen, Alkoholtrinken und Drogenkonsum, Bulimie und Anorexie und, im Extremfall, Suizidversuchen, um dem Gefühl der Ohnmacht zu entwischen (oder ihre Konfliktpartner Ohnmacht und Schuldgefühle spüren zu lassen). Frauen sind vorwiegend in der Struktur der Selbstbestrafung gefangen, versuchen oft, über ihr Leiden bei der für ihr Unglück verantwortlich gehaltenen Person Schuldgefühle zu verursachen. Männer hingegen agieren ihren Hass zusätzlich über ihre Macht (Politik, Handel, Militär) aus: Sie versuchen andere zu übervorteilen und auszuschliessen. Diese „braven“ Männer sind Träger eines Hasspotentionals, das im Verborgenen noch viel destruktiver wirkt... Ihr Hasspotential leben sie im beruflichen, politischen und militärischen Konkurrenzkampf aus. Die verheerendsten Folgen für die Menschheit entstehen jedoch, wenn diese Männer ihre Handelsmacht spielen lassen: Hungersnöte und Kindersterben sind angesagt. ... Als Manager der Nestlé versuchen sie in der dritten Welt durch falsche Informationen die Mütter zur Flaschenernährung ihrer Säuglinge zu überreden; wohlwissend, dass das zu Verfügung stehende Wasser nicht steril ist, machen sie sich mitschuldig am Tod von Hunderttausenden von Kleinkindern. Als Politiker verhindern sie bei uns Strukturen, die es Müttern erlauben würden, zum richtigen Zeitpunkt für ihr Kind voll dazusein. Die gleichen Männer reagieren mit Eifersucht, wenn ihre Frau sich liebevoll um ihren Säugling kümmert. Diese ist allerdings gut versteckt hinter logisch klingenden Argumenten wie: „Lass das Kind schreien, es soll merken wer hier Meister ist und dass es nicht alles haben kann!“ Diese Männer sind zu weit von ihren Wurzeln entfernt, um erkennen zu können, dass sie ähnlich wie der gewalttätige Rassist handeln: Die Partnerin, die ihrem Kind Aufmerksamkeit und Liebe schenkt, repräsentiert für ihn (unbewusst) seine Kindheits-Mutter, die sich um ein Geschwister kümmert, das scheinbar all das bekommt, was auch er gebraucht hätte: Zuwendung und Zugehörigkeit.

Das Verhalten dieser Männer ist typisch in Kulturkreisen, in denen Säuglinge von ihrer Mutter getrennt werden. Diese Männer bemühen sich aktiv um militärische Verteidigungsstrategien (um ja nie wieder eine ähnliche Ohnmacht, wie jene in ihrer Kindheit, erleben zu müssen) werden Finanzspezialisten (wer in seiner Kindheit zu kurz gekommen ist, macht sich auf die Jagt nach Vorteilen und schreckt dabei auch nicht vor der Ausbeutung anderer zurück). Oder sie werden Staranwälte, die dem maffiosen und korrupten Geschäftemacher, Geldwäscher, Drogenhändler oder Waffenschieber zu seinem „Recht“ verhelfen (beide zahlen der Gesellschaft (Mutter) die in ihrer Kindheit erlittenen Ungerechtigkeiten heim). Als Aktienbesitzer oder Führungskader drücken sie um des Profites Willen die unteren Einkommen unter das Existenzminimum und die Arbeitszeiten auf ein Maximum (dem Bruder oder, vor allem der Schwester, soll es nicht besser gehen, als ihnen in frühster Kindheit). Als Schweizer, mit gesichertem Bürgerrecht, wollen sie ganze Familien in Kriegsgebiete zurückweisen (was?: noch ein Geschwister mehr, wo wir doch schon zu kurz kommen!) Und sollten sie all das nicht persönlich erledigen, wählen sie jedenfalls die „richtigen“ Volksvertreter. Heute schicken sich selbst Frauen an, zu solchen Stellvertretern zu werden – und falls sie vom Ehrgeiz getrieben werden, den Männern ebenbürdig (sic!) zu sein, ist dies besonders tragisch.“ (Maurer S. 33-35)

Heute, nach langjähriger Erfahrung in Gefühls- und Körperarbeit, ist mir klar, dass die Weichen dazu während der frühsten Kindheitserfahrungen gestellt wurden. Diese waren geprägt von einem ungeschriebenen Gesetz: dass eine Mutter nur das eigene Selbstwertgefühl an die Tochter zu vermitteln fähig ist. Solche Gesetzmässigkeiten reproduzieren sich über Generationen. Auch wenn der Wunsch der Mutter gross ist zu geben, wird es das Unterbewusstsein zu durchkreuzen wissen. ... Weibliche Säuglinge werden weniger zärtlich behandelt, länger allein liegengelassen, weniger an die Brust genommen als männliche. So fühlt sich das Mädchen wertlos und muss sich die Zugehörigkeit durch „Bravsein“ verdienen.“ (Maurer S.40)

 

Das gute Selbstwertgefühl als

Grundlage aller menschlicher Potenzen

Das Sozialverhalten jedes Menschen wird somit im ersten Lebensjahr durch seine Mutter grundlegend bestimmt und festgelegt. Entsprechend dem Bild, welches sich das Kleinkind von der Mutter macht, wird umgekehrt auch sein eigenes Bild, das Bild der eigenen Person grundlegend geprägt. Die emotionale Selbstwahrnehmung jedes Erwachsenen ist somit aufs engste verbunden mit der Art und Weise oder wird dadurch bestimmt, wie er als Kind seine Mutter erlebt und erfahren hat. ... Das Bild, welches jeder Mensch von sich selber hat, bildet das Zentrum seines Erlebens. Nur wer sich selbst wertschätzt, ist auch fähig, andere Menschen zu lieben. Das gute Selbstwertgefühl wird somit zur Grundlage aller menschlicher Potenzen, nicht zu zur Beziehungsfähigkeit, sondern auch zu jeder Form von Kreativität.“ (Renggli S.51+52)

 

Verlieben

Verlieben bedeutete für beide, einen Partner zu wählen, an den unbewusst der Wunsch gerichtet war, das zu erhalten, was beide in frühster Kindheit von ihrer Mutter gebraucht hätten. Beide verhielten wir uns so, dass keine Gefahr entstehen konnte, vom andern verlassen zu werden. Folglich verzichteten beide darauf, ihre Bedürfnisse zu äussern, falls sie nicht mit denen des Partners vereinbar schienen.“ (Maurer S.18)

 

Depressionen

Ist diese psychotische Struktur oder das psychotische Erleben eine Störung aus der allerersten Lebenszeit, so hat die Depression ihren Ursprung eher in der Bindungsphase (in der oralen Phase). Es ist somit nicht möglich, Depressionen und Psychose klar voneinander abzugrenzen, beide Zustandsbilder können ineinander überfliessen. Nur kurz sei die Depression hier angedeutet, denn das Hauptthema meines Buches ist die Psychose, die Spaltung. Der depressive Mensch wird vor allem von Gefühlen der Verzweiflung, der Hoffnungslosigkeit und schliesslich der tiefen Schwermut, der Melancholie beherrscht. Allmählich entsteht die Gewissheit, dass das Leben sinnlos ist, es wird zu einer Qual, und so sehnen sich diese Menschen nur noch nach dem Tod.

Der depressive Mensch ist scheu im Kontakt zu anderen Menschen. Im Zweifelsfall wird der Kontakt immer abgebrochen. Und so wie die Liebesfähigkeit, so ist auch das gesamte Antriebsleben dieses Menschen blockiert. Wünsche werden im Keim erstickt. Hat der depressive Mensch umgekehrt nicht alle Brücken zur Umwelt abgebrochen, neigt er dazu, sich blind an seinen Partner anzuklammern. Riesig ist dann die Angst verlassen zu werden. Ursprünglich gelten die Angst und die dazugehörige Wut der Mutter, von der sich der Depressive verlassen fühlte. Und diese Wut wird immer gegen die eigene Person gewandt, häufig in Form von Selbstvorwürfen. Der depressive Mensch wird von Schuldgefühlen zermartert. Die Angst, verlassen zu werden, und gleichzeitig die nach innen gerichtete Agression und unterdrückte Wut sind ein fast unlösbares Problem für den depressiven Menschen.“ (Renggli S.64)

 

Die Entstehung des Teufels

Im Spätmittelanter ist die Gestalt des Teufels zur alles beherrschenden Figur, zum grossen Gegenspieler Gottes geworden. Die Dynamik der Entstehung ist einfach zu erklären. Der teufelsgläubige Mensch muss sich nicht länger mit seiner Schattenseite beschäftigen, sich mit seinen destruktiven Anteilen auseinandersetzen, sondern der Teufel ist Ursache und Träger des Bösen in dieser Welt. Das eigene Böse wird abgespalten und nach aussen verlagert, projiziert. Entsprechend kann aus den Vorstellungen und den Geschichten von Teufel und Dämonen die jeweilig verdrängte und abgespaltene Seite eines Volkes, einer Kultur abgelesen werden. Und das Böse, die Leidenschaft, wird überstark im Hoch- und Spätmittelalter. Die Menschen zerbrechen fast unter der Last ihrer Schulthaftigkeit. Entsprechend steigt die Macht des Teufels, er wird zum Fürsten dieser Welt. Und so wie Gott idealisiert wird, wo wird der Teufel immer stärker dämonisiert. Die Spaltung zwischen Gott und Teufel ist perfekt. Aber die Macht des Teufels nimmt im Laufe des Mittelalters nicht nur stark zu, sondern er ist schliesslich zu einem konkreten, realen und sinnlich wahrnembaren Individium geworden (Roskoff). Die Grenze zum Wahn ist damit eindeutig und klar überschritten. (Renggli S. 105)

 

Opfer und Täter

Keith Thomas hat zentral über dieses Thema geforscht, indem er von der Verarmung einerseits und der Bereicherung in der Bevölkerung andererseits ausgeht. Diese Polarisierung habe zu einer Verhärtung der zwischenmenschlichen Beziehungen geführt. Dabei ist die Hexe keine imaginäre Gestalt, sondern die Nachbarin, welche den bessergestellten Herrn um einen Gefallen, um Geld in der Not oder um ähnliches gebeten hat, ein Wunsch, der ausgeschlagen worden ist. Die Person aber, welche nein sagt, hat später Schuldgefühle verspürt und beim nächsten Unglück diejenige Person verdächtigt, ihn verhext zu haben, deren Btitte er letzthin abgeschlagen hat. Die Tradition der gegenseitigen Hilfe ist durch den wirtschaftlichen Druck allmählich zerstört worden, und die zurückbleibenden Schuldgefühle sind der Nährboden, um alles Unglück fortan dem Racheakt einer armen Nachbarin, einer Hexe, zuzuschreiben. Ankläger und „Hexe“ stehen somit in einem sehr persönlichen Verhältnis zueinander, die Hexe lebt in der Nachbarschaft des Opfers. Die „Hexe“ ist somit moralisch im Recht, nicht das Opfer.“ (Renggli S.133)

Auch hier hat sich in den letzten 500 Jahren wenig geändert.

 

Was treibt Männer wie Hitler, Mussolini, Stalin oder Napoleon?

Fühlt sie (die Mutter) sich einsam, von ihrem Mann verlassen und ist diese depressive Seite ausgeprägt, so sind ihre Gefühle dem Sohn gegenüber automatisch stärker erotisch, ja sogar sexuell eingefärbt. Und der höchst empfindsame Knabe spürt die ungelebte und enttäuschte erotische Seite seiner Mutter sehr genau. Aber das ist zuviel, das kann er nicht geben was sie bräuchte. Einerseits wird seine Sexualität frühzeitig – er wird später in der Phantasie seine Mutter heiraten müssen -, andererseits kann er sich nicht wehren gegen diese überstarken Erwartungen und Hoffnungen seiner Mutter. Seine Grenzen sind zu schwach gegen diese Übernähe. Er fühlt sich überwältigt, ja vielleicht sogar „vergewaltigt“. Und zusammen mit seiner Grunderfahrung als hilflos verzweifelt weinendes Kleinkind liegt hier die Wurzel und Quelle der Angst vor Nähe bei jedem später erwachsenen Mann, Angst vor Abhängigkeit, Angst vor Schwäche, Angst vor der Ohnmacht. Niemals sich je wieder so in eine Beziehung einlassen! Umgekehrt ist sein Wunsch nach Autonomie und Selbständigkeit, sein Wunsch sich abzugrenzen in jeder Beziehung fast grenzenlos übersteigert, und diese Wünsche werden um so stärker, je enger eine Beziehung zu einer geliebten Frau zu werden droht. Es ist die Situation, die wir Therapeuten heute täglich in unseren Praxen erleben, und welch verrückte Spaltmechanismen und Abwehrstrategien die Männer vollbringen, um wirkliche Liebe nicht erleben zu müssen. Die ist wirklich bedrohlich.

Hier liegt auch die Geburtsstunde des Helden. Männer müssen immer noch gewalterige, ja unmenschliche Kräfte entwickeln, Kräfte gegen das „ewig Böse“ um sich aus der ursprünglichen Abhängigkeit von der Mutter zu befreien. Die eben geschilderte Problematik bestimmte auch die Herkunft und das Schicksal von Männern wie Hitler, Mussolini, Stalin oder Napoleon, wie wir seit Volker Elis Pilgrims „Muttersöhne“ wissen. Sie alle und viele andere destruktive Politiker haben unter einer sich total aufopfernder Mutter gelitten, die beziehungslos oder aber mit einem emotionalen Krüppel von Mann zusammenleben musste. Es ist wirklich eine gefährliche und destruktive Liebe, diese Mutterliebe, wenn sie sich ganz und ausschliesslich auf ihren Sohn konzentriert...“ (Renggli S.220)

 

 

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